Der Arbeitsweg entscheidet bei der Jobwahl mit
Der Arbeitsweg beginnt lange vor dem ersten Arbeitstag. Schon während des Bewerbungsprozesses prüfen Kandidaten, wie gut ein Standort erreichbar ist, wie viel Zeit das Pendeln beansprucht und ob sich der Weg mit dem eigenen Alltag vereinbaren lässt. Für Unternehmen ausserhalb der grossen Ballungszentren wird Mobilität damit zu einem Teil des Arbeitgeberversprechens. Dabei geht es nicht mehr nur um Parkplätze oder einen Zuschuss an das ÖV-Abonnement; flexible Arbeitszeiten, Homeoffice und produktiv nutzbare Reisezeit gehören ebenfalls dazu.
Die Voraussetzungen der fünf Unternehmen unterscheiden sich stark. Gemeinsam ist ihnen die Erkenntnis, dass Mobilität flexibel, alltagstauglich und auf die jeweilige Tätigkeit abgestimmt sein muss.
SFS setzt auf Wahlfreiheit
SFS hat am Standort Heerbrugg im Mai 2025 ein ganzheitliches Mobilitätskonzept eingeführt. Die Mitarbeiter können ein kostenloses 3-Länder-Ticket für den öffentlichen Verkehr oder einen Gutschein fürs Velo beziehungsweise Parkgebühren wählen. Hinzu kommen E-Bikes und E-Scooter am Bahnhof sowie verbesserte Busverbindungen. Je nach Funktion kann die Reisezeit im Zug als Arbeitszeit angerechnet oder im Homeoffice gearbeitet werden.
Christina Burri, Head of Corporate HR, Communications & ESG, erklärt, dass viele Mitarbeiter nachhaltige Alternativen nutzten. Entscheidend sei die freie Wahl: «Ein zentraler Erfolgsfaktor ist, dass unsere Angestellten jeden Tag wählen können, wie sie zur Arbeit pendeln.» Das «Paket Flex» erlaubt deshalb, sich täglich neu zwischen dem kostenlosen ÖV-Ticket und dem Auto mit moderater Parkgebühr zu entscheiden.
Die Lage im Rheintal bleibt allerdings eine Herausforderung. Obwohl die Verkehrsanbindung verbessert wurde, lässt sie sich laut Burri nicht mit jener grosser Zentren vergleichen. Für sie ist klar: «Mobilitätsangebote als Arbeitgeber-Benefit werden an Bedeutung gewinnen. Sie werden zu einem strategischen Differenzierungsmerkmal im Employer Branding.»
Stadler profitiert von der Nähe zum Bahnhof
Bei Stadler liegen sowohl der Hauptsitz in Bussnang als auch der Standort St.Margrethen direkt neben einem Bahnhof. Das ist in einer ländlicheren Region ein gewichtiger Vorteil. «Die Erreichbarkeit spielt eine zunehmend wichtige Rolle bei der Gewinnung neuer Angestellter», sagt Andrea Finotti, Leiterin Personal und Payroll. Bereits im Bewerbungsprozess werde oft nach der Verbindung gefragt.
Stadler unterstützt seine Mitarbeiter mit vergünstigten ÖV-Abonnementen, Parkmöglichkeiten und flexiblen Arbeitszeitmodellen, mit denen sich Stosszeiten vermeiden lassen. Und: «Wo es die Tätigkeit zulässt, kann mobil gearbeitet werden», so Finotti. Die Angebote würden geschätzt und erleichterten es, den Arbeitsweg in den Alltag zu integrieren.
Finotti beobachtet, dass lange Pendelzeiten kritischer hinterfragt werden als früher. Besonders jüngere Generationen achteten auf flexible und umweltfreundliche Lösungen. Die Distanz zu urbanen Zentren könne bei der Rekrutierung eine Hürde sein, die hohe Lebensqualität der Ostschweiz wirke dem entgegen. Künftig erwartet Finotti mehr individuelle Angebote bei nachhaltiger Mobilität, flexiblen Arbeitsorten und ÖV-Unterstützung: «Insbesondere bei Unternehmen ausserhalb von grossen Ballungszentren können solche Angebote künftig ein Wettbewerbsvorteil sein.»
HOCH muss Mobilität und Präsenz verbinden
Die optimale medizinische Versorgung, Pflege und Behandlung von akut erkrankten oder verletzten Menschen stehen bei HOCH Health Ostschweiz rund um die Uhr im Vordergrund. Homeoffice ist deshalb nur in Funktionen möglich, die keine Präsenz vor Ort erfordern. «HOCH setzt jedoch auf flexible Arbeitszeitmodelle und digitale Arbeitsmöglichkeiten, soweit dies möglich ist. Ein Teil der Mitarbeitenden kann zudem an verschiedenen Standorten tätig sein», sagt Nicole Giuliani, Leiterin HR. Und sie ergänzt: «Für HOCH mit mehreren Standorten in der Region ist eine gute Erreichbarkeit ein wichtiger Wettbewerbsfaktor.»
Im Rahmen eines umfangreichen Mobilitätskonzepts kommen bei HOCH verschiedene Massnahmen zur Anwendung. So erhalten alle Mitarbeiter, die über keine Parkbewilligung verfügen, jährlich einen Zuschuss an Abos für den öffentlichen Verkehr. Oder Angestellten im Nachtdienst zum Beispiel wird mit dem «Mitternachtstaxi» je nach Standort eine günstige und sichere Möglichkeit für den Nachhauseweg angeboten. «Praxistaugliche Lösungen erhöhten die Zufriedenheit und stärkten die Arbeitgeberattraktivität», so Giuliani.
Lange oder komplizierte Pendelwege spielten bei der Arbeitgeberwahl eine immer grössere Rolle. «Die Erreichbarkeit des Arbeitsorts kann deshalb sowohl für die Gewinnung als auch für die langfristige Bindung von Fachkräften mitentscheidend sein.»
Migros setzt auf breites Angebot
Die Genossenschaft Migros Ostschweiz beschäftigt über 8500 Festangestellte. «Die einfache Erreichbarkeit unserer Supermärkte und Restaurants mit sämtlichen gängigen Verkehrsmitteln war und ist für uns ein entscheidender Faktor bei der Wahl eines Standorts», sagt Heidi Bösch, Leiterin Personelles. Den meisten Bewerbern sei der Weg zum Arbeitsort vor ihrer Bewerbung bekannt.
Die Migros bietet Vergünstigungen für Fahrzeugkauf oder -miete, Carsharing, Werkstattleistungen, E-Ladestationen und das Tanken in Gossau; sämtliche Lehrlinge erhalten während der Lehrzeit ein Generalabonnement. «Je nach Funktion kommen ein Halbtaxabonnement, ein auch privat nutzbarer Dienstwagen oder ein kostenloser Parkplatz hinzu», so Bösch. Bei einem Umzug ermöglicht das Filialnetz häufig den Wechsel an einen näheren Arbeitsort.
Homeoffice ist für einen grossen Teil der Belegschaft kein Thema, weil die Arbeit in Supermärkten und Restaurants den Kontakt mit Kunden und Gästen verlangt. In geeigneten Zentralfunktionen ist nach Absprache Homeoffice möglich. Bösch stellt zugleich fest, dass persönliche Zusammenarbeit wieder stärker geschätzt wird. Mobilität bleibe wichtig, sei aber selten allein ausschlaggebend: «Die gute Erreichbarkeit des Arbeitsplatzes ist und bleibt ein wichtiger Aspekt.» Arbeitsinhalt, Unternehmenskultur, Lohn, Entwicklungsmöglichkeiten und Jobsicherheit hätten meist aber noch mehr Gewicht.
Metrohm versteht Mobilität ganzheitlich
Metrohm verbindet seinen Hauptsitz in Herisau mit hoher Lebensqualität und der Nähe zur Natur. Ein Standort ausserhalb eines grossen Ballungszentrums verlangt bei der Rekrutierung aber zusätzliche Antworten. «Die Erreichbarkeit ist für uns ein wichtiger Faktor bei der Rekrutierung», sagt Catherine Gisler, Head of Human Resources. Gute Verbindungen vergrösserten den Kreis möglicher Bewerber aus der Ostschweiz und den angrenzenden Regionen.
Das Unternehmen bietet flexible Arbeitszeiten und Homeoffice. Dadurch lassen sich Verkehrsspitzen umgehen und persönliche Bedürfnisse berücksichtigen. Zusätzlich profitieren die Mitarbeiter von ÖV-Vergünstigungen und kostenlosen Plätzen in der Tiefgarage. «Diese Flexibilität wird sehr geschätzt.» Zugleich fördere Metrohm die Zusammenarbeit vor Ort, weil der persönliche Austausch für Innovation und Teamarbeit wichtig sei.
Im Rekrutierungsprozess werden Homeoffice, ÖV-Erreichbarkeit und Parkmöglichkeiten häufiger angesprochen. Viele Kandidaten wünschten sich Präsenz und flexible Arbeitsformen. Für Gisler wird dieses Zusammenspiel weiter an Gewicht gewinnen: «Für uns bedeutet moderne Mobilität nicht nur die Frage, wie Mitarbeiter zur Arbeit gelangen, sondern wie wir ihnen flexible Rahmenbedingungen für ihren Arbeitsalltag bieten können.» Gerade für Herisau könne dies zum Wettbewerbsfaktor werden.
«Die Erreichbarkeit ist ein wichtiger Faktor bei der Rekrutierung.»
Mobilität wird Teil des Gesamtpakets
Erfolgreiche Konzepte verbinden Verkehrsmittel mit Arbeitszeitmodellen, Homeoffice und individuellen Lösungen. Ein Produktionsmitarbeiter, eine Pflegefachkraft und ein Mitarbeiter in einer Zentralfunktion haben unterschiedliche Bedürfnisse.
Mobilität wird deshalb aber kaum zum alleinigen Grund für die Wahl eines Arbeitgebers. Eine schlechte Erreichbarkeit kann allerdings verhindern, dass es überhaupt zu einer Bewerbung kommt. Wer Wahlfreiheit schafft und den Arbeitsweg als Teil des Arbeitsalltags versteht, vergrössert sein Einzugsgebiet, stärkt die Bindung und verschafft sich im Wettbewerb um Fachkräfte einen Vorteil.
Text: Stephan Ziegler
Bild: KI/Doris Hollenstein, zVg