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Staat schlägt Industrie

Staat schlägt Industrie
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Die grössten Arbeitgeber im Appenzellerland zeigen ein klares Bild: Staat, Gesundheit und staatsnahe Betriebe prägen den Arbeitsmarkt stark. Das sorgt für Stabilität, wirft aber auch Fragen zur wirtschaftlichen Dynamik und zur langfristigen Entwicklung auf.

Wer die grössten Arbeitgeber im Appenzellerland analysiert, erkennt rasch ein Muster: An der Spitze stehen nicht primär klassische Industrieunternehmen, sondern die öffentliche Hand, das Gesundheitswesen und staatsnahe Betriebe. Der Spitalverbund Appenzell Ausserrhoden weist per Ende 2024 696 Mitarbeiter sowie 68 Auszubildende aus, total also 764 Personen. Das Kantonale Gesundheitszentrum Appenzell kommt per Ende 2024 auf 231 Mitarbeiter.

Auch der Kanton Appenzell Innerrhoden ist ein gewichtiger Arbeitgeber: Im Geschäftsbericht 2023 werden insgesamt 374 Mitarbeiter ausgewiesen, davon 304 in der Zentralverwaltung und 70 im Gymnasium St.Antonius. Hinzu kommen die Appenzeller Bahnen mit 241 Mitarbeitern.

In Relation zur Bevölkerungsgrösse der beiden Halbkantone ist diese Dichte bemerkenswert. Appenzell Ausserrhoden zählte Anfang 2025 56’800 Einwohner. Appenzell Innerrhoden bewegt sich weiterhin in einer Grössenordnung von rund 16’800 Einwohnern.

Diese Struktur ist Ausdruck von Stabilität. Gleichzeitig stellt sich eine zentrale Frage: Ist das Appenzellerland wirtschaftlich zu stark von Staat, Gesundheit und staatsnahen Bereichen geprägt?

Unbestritten ist, dass die öffentliche Hand und das Gesundheitswesen für Verlässlichkeit sorgen. Gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten wirken Verwaltung, Spitäler, Gesundheitszentren und Bahnbetriebe wie ein Puffer. Arbeitsplätze bleiben eher erhalten, die Nachfrage entwickelt sich meist weniger volatil als in stark exportorientierten Industrien. Für eine vergleichsweise kleine Region ist das ein Vorteil. Diese Stabilität ist gerade für das Appenzellerland ein starkes Fundament.

Die Industrie im Appenzellerland ist oft hochspezialisiert, exportorientiert und technologisch stark.

Doch Stabilität hat auch ihren Preis.

Ein hoher Anteil staatlicher und staatsnaher Beschäftigung bedeutet tendenziell weniger Dynamik. Innovation, Produktivitätssteigerungen und kräftiges Wachstum entstehen in erster Linie in der Privatwirtschaft. Genau hier zeigt sich im Appenzellerland ein Spannungsfeld.

Die Industrie ist zwar präsent, zum Teil sogar international hochkarätig, tritt im regionalen Beschäftigungsbild aber weniger dominant in Erscheinung, als es die globalen Kennzahlen vermuten lassen. Huber+Suhner mit Hauptsitz in Herisau weist für 2025 weltweit 4200 Mitarbeiter aus, davon 1170 in der Schweiz. Sefar in Heiden spricht von mehr als 3000 Mitarbeitern in 25 Ländern. Metrohm ist ebenfalls klar in Herisau verankert, Varioprint in Heiden, Arcolor in Waldstatt. Diese Zahlen und Standorte belegen die industrielle Stärke der Region, lassen aber nur bedingt Rückschlüsse auf die effektive Beschäftigung allein im Appenzellerland zu.

Gleichzeitig gibt es im Appenzellerland auch in der Privatwirtschaft mehrere bedeutende Arbeitgeber mit nachgewiesenem Standort. Die Berit Klinik AG sitzt in Speicher und zählt rund 600 Mitarbeiter, Just Schweiz beschäftigt am Hauptsitz in Walzenhausen 180 Menschen. Die Brauerei Locher in Appenzell spricht von rund 200 Mitarbeitern am Hauptstandort, Wyon in Steinegg von 170 Mitarbeitern. Auch die Appenzeller Kantonalbank in Appenzell gehört mit 127 Angestellten zu den grösseren Arbeitgebern des inneren Landesteils.

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Hinzu kommen weitere wichtige Unternehmen, deren regionale Bedeutung unbestritten ist, auch wenn standortscharfe Mitarbeiterzahlen nicht überall gleich präzise ausgewiesen werden. In Appenzell Innerrhoden gehören dazu KUK Electronic in Appenzell, Thyssenkrupp Presta in Oberegg, Goba mit Hauptsitz in Gontenbad, Prodartis in Appenzell, Fenster-Dörig in Appenzell sowie der Hof Weissbad in Weissbad. In Appenzell Ausserrhoden sind neben Huber+Suhner, Metrohm, Sefar, Varioprint, Arcolor, Just, Berit und den Appenzeller Bahnen weitere standortstarke Betriebe wie die Rehaklinik Gais von Bedeutung.

Gerade bei international tätigen oder spezialisierten Unternehmen zeigt sich ein typisches Problem regionaler Vergleiche: Viele Firmen publizieren weltweite oder nationale  Kennzahlen, aber keine klar abgegrenzten Zahlen nur für den einzelnen Standort. Diese Zurückhaltung erschwert die direkte Vergleichbarkeit mit staatlichen oder staatsnahen Arbeitgebern. Das heisst allerdings nicht, dass die Industrie im Appenzellerland schwach wäre. Im Gegenteil: Sie ist oft hochspezialisiert, exportorientiert und technologisch stark, nur tritt ihre Beschäftigungswirkung im öffentlichen Vergleich weniger transparent in Erscheinung.

Ein grosser Teil der Beschäftigung konzentriert sich damit auf staatliche, staatsnahe oder stark regulierte Bereiche. Die Privatwirtschaft ist vorhanden, leistungsfähig und in einzelnen Nischen hochspezialisiert, sie erscheint im regionalen Gesamtbild aber fragmentierter und oft weniger dominant als in anderen Ostschweizer Wirtschaftsräumen.

Produktivitätssteigerungen entstehen in erster Linie in der Privatwirtschaft.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob dieses Modell funktioniert, sondern wie zukunftsfähig es ist. Langfristig braucht jede Region wirtschaftliche Dynamik. Sie braucht Unternehmen, die wachsen, investieren, Innovationen vorantreiben und neue Arbeitsplätze schaffen. Genau diese Dynamik entsteht primär in der Privatwirtschaft und weniger im staatlichen Umfeld.

Das Appenzellerland steht damit vor einer strategischen Herausforderung: Wie lässt sich die bestehende Stabilität bewahren, ohne an unternehmerischer Dynamik einzubüssen? Wie können wachstumsstarke Unternehmen angezogen, bestehende Betriebe weiterentwickelt und neue Branchen aufgebaut werden?

Die Ausgangslage ist keineswegs schlecht. Die Region verfügt über hohe Lebensqualität, kurze Wege, stabile Institutionen und spezialisierte Industriebetriebe. Gleichzeitig zeigt der Blick auf die grössten Arbeitgeber, dass zusätzliches Wachstum vor allem aus der Privatwirtschaft kommen muss, wenn die wirtschaftliche Entwicklung langfristig Schritt halten soll.

Stabilität ist eine Stärke, aber sie ersetzt keine Dynamik. Entscheidend wird sein, ob das Appenzellerland seine solide Basis nutzt, um (noch) mehr unternehmerische Kraft zu entfalten.

Text: Stephan Ziegler

Bild: istock

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