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Von Ikea bis Amazon

Von Ikea bis Amazon
Jörg Müller
Lesezeit: 4 Minuten

In Waldstatt werden Druckfarben für die ganze Welt hergestellt: Seit 1996 werden die wässrigen Dekor-, Verpackungs- und Inkjet-Druckfarben «Made im Appenzellerland» der Arcolor AG mit einem Exportanteil von 95 Prozent in aller Herren Länder distribuiert. Rund 80 Mitarbeiter stellen massgeschneiderte Produkte für die gängigen Druckverfahren und den Digitaldruck her. Jeder von uns ist wohl schon mit Arcolor-Farben in Kontakt gekommen – unbewusst.

Jörg Müller, Arcolor wurde 1996 gegründet, ein Jahr später verliess die erste Farblieferung die Produktion in Waldstatt – und vier Jahre später wurden schon 7000 Tonnen hergestellt. Wie viele Tonnen sind es heute?
Wir stellen seit einigen Jahren konsant ungefähr 15 000 Tonnen her. Obwohl wir wachsen, wird die Menge nicht grösser, da wir zunehmend Konzentrate verkaufen. Diese werden vor Ort durch unsere Partner oder Endkunden mit Wasser auf die gewünschte Farbstärke verdünnt. Das reduziert auch Verpackungs- und Transportkosten und hilft mit, unsere Produkte ökologischer zu distribuieren.

Das Wachstum war so gross, dass 2006 ein Neubau und 2020 ein Erweiterungsbau errichtet wurde. Wie lange reicht die jetzige Fläche noch?
Wir haben mit der letzten Erweiterung einige Reserven aufgebaut. Deshalb werden in der nächsten Zeit keine zusätzlichen Flächen benötigt, auch wenn wir weiterhin wachsen.

Was gab 1996 die Initialzündung zur Gründung einer Firma, die wässrige Druckfarben herstellt? Gab es das damals auf dem Weltmarkt noch nicht?
Damals herrschte im Dekordruckfarbenmarkt praktisch eine Monopolstellung durch einen deutschen Farbenhersteller, der seine Position ausnutzte und kein Geld in die Weiterentwicklung der Produkte investierte. Dies erkannten die Gründer von Arcolor und entwickelten eine neue, überlegene Produktlinie. In unserer Marktnische wurde das durch die Dekordrucker schnell erkannt. So konnte Arcolor relativ rasch die weltgrössten Dekordrucker als Kunden gewinnen. Zwischenzeitlich haben verschiedene andere Farbhersteller auch nachgebessert – es bestehtein reger Wettbewerb. Wir wollen aber weltweit die Marktführerposition durch konstante Innovation halten.

 

«Schon bei der Auswahl der Angestellten gehen wir sehr sorgfältig vor.»

Heute werden Ihre Farben weltweit eingesetzt, so bedruckt Ikea ihre Möbel mit Farben aus Waldstatt. Gibt es noch weitere Beispiele, wo wir als Konsumenten mit Ihren Produkten in Berührung kommen?
Ein weiteres Produkt, womit viele Konsumenten Kontakt haben, sind die Klebebänder von Amazon-Versandverpackungen. Meist handelt es sich um ein blau-schwarzes Klebeband, manchmal auch mit anderen Farben für spezielle Anlässe. Ausser in den USA werden weltweit alle Klebebänder mit Arcolor-Farben bedruckt und bei jeder Amazon-Lieferung verwendet.

Was machen Sie besser als Ihre Mitbewerber?
Das sind verschiedene Punkte. Wir haben uns im Markt ganz klar als ökologischer Qualitätshersteller positioniert. Wir sind wohl teurer als der Wettbewerb, aber mit unseren Produkten kann eine Druckerei effizienter arbeiten. Ausserdem liefern wir immer ein Gesamtpaket, das neben dem eigentlichen Produkt auch Dienstleistungen wie Beratungen oder Schulungen beinhaltet. Wir sind auch auf eher schwierige Anwendungen spezialisiert, wo keine Massenprodukte eingesetzt werden können – und der Kunde bereit ist, für diese Leistung etwas mehr zu bezahlen.

Sie bieten auch Farben für Multipass-Inkjet-Drucker an. Werden diese nur für Ausmusterungen für Ihre Dekortiefdruckfarben genutzt?
Wir bieten wässrige Farben sowohl für Multipass-Inkjet- als auch für Single-Pass-Drucker an. Die Multipass-Drucker werden vor allem bei unseren Dekorkunden für die Ausmusterung verwendet. Interessanter sind aber die Single-Pass-Drucker, da diese in der Produktion eingesetzt werden und grosse Mengen an Farbe verbrauchen. Hier sind wir wiederum breit aktiv, wobei es sich immer um hochlichtechte, wässrige Inkjet-Farben handelt.

 

  

Ein weiteres Fachgebiet sind Lacke. Was unterscheidet Ihre von herkömmlichen Lacken?
Unsere Lacke sind eine Ergänzung zu den Farben und sind auch auf unsere eigenen Farben zugeschnitten, um das bestmögliche Resultat für eine bestimmte Anwendung zu erreichen.

Seit 2019 haben Sie auch eine Produktion in China. Unterscheiden sich die Farben für den asiatischen Markt von denjenigen, die in Waldstatt hergestellt werden?
Gegenwärtig sind die Produkte in China genau gleich, da alle Halbfabrikate in der Schweiz hergestellt werden. Zukünftig dürfte es in China aber auch spezifisch an die lokalen Marktbedürfnisse angepasste Produkte geben, für die in den westlichen Ländern keine Nachfrage besteht.

Waldstatt liegt nun nicht gerade zentral; können Sie Ihren Bedarf an Fachkräften trotzdem decken?
Ja. Wir haben Mitarbeiter aus dem Rheintal, vom Bodensee und aus Winterthur, also doch ein grosses Einzugsgebiet. Wir sind nah an der Stadt St.Gallen, falls jemand in der Stadt wohnen möchte – und um uns herum kann man schöne Angebote finden, wenn jemand auf dem Land wohnen will. Der Standort Waldstatt ist diesbezüglich also kein relevanter Nachteil.

Zum Schluss: Sie wurden schon öfter als «Top-Arbeitgeber» ausgezeichnet. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis, um Mitarbeiter zu finden und zu halten?
Die Mitarbeiter sind unser wichtigstes Gut. Diese Aussage wird wohl jede Firma sofort mit unterschreiben. Jedoch sind wir in der gelebten Umsetzung vermutlich etwas konsequenter als andere: Schon bei der Auswahl der Angestellten gehen wir sehr sorgfältig vor und suchen Menschen, die von der Persönlichkeit zu uns passen. Wir pflegen einen ehrlichen und konstanten Austausch und scheuen uns auch nicht, Probleme direkt anzusprechen. Gemeinsam suchen wir dann die beste Lösung für uns als Firma und den Mitarbeiter. Das funktioniert in einer überschaubaren Firma, wie wir es sind, recht gut und erzeugt Zugehörigkeitsgefühl und Zufriedenheit.

Text: Stephan Ziegler

Bild: Thomas Hary

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