Wenn Demografie zur Standortfrage wird
Text: pd/stz.
Beat Ulrich, scheidender CEO des St.Gallen Symposiums, begrüsste das Publikum und blickte auf die 55. Ausgabe des St.Gallen Symposiums von Anfang Mai zurück. Diese stand unter dem Motto «Disrupted Age» und rückte Geopolitik, Technologie und Demografie ins Zentrum. Genau an diese Themen knüpfte das EcoOst St.Gallen Symposium an, diesmal mit besonderem Blick auf die Ostschweiz.
In der ersten Keynote zeigte Prof. Dr. Dominik Sachs von der Universität St.Gallen, wie stark die Geburtenraten weltweit sinken. Der Rückgang der Fertilität sei ein globaler Trend, der bereits seit den 1980er-Jahren zu beobachten sei. Gemäss UNO liegt die globale Rate mit 2,21 Kindern noch knapp über der Reproduktionsrate, andere Studien sehen diese bereits unterschritten. Die Schweiz liegt mit 1,29 Kindern deutlich darunter, die Ostschweiz nur marginal besser.
Sachs wies zudem darauf hin, dass sich der Anteil der 20- bis 29-Jährigen ohne Kinderwunsch zwischen 2013 und 2023 fast verdreifacht habe. Gleichzeitig seien die Ansprüche an das Elternsein gestiegen. «In den letzten zehn Jahren ist die Zeit, die Eltern aktiv mit ihren Kindern verbringen, um fünf Stunden pro Woche gestiegen», sagte Sachs. Als Handlungsoptionen nannte er Zuwanderung, Technologien wie künstliche Intelligenz und Robotik sowie vor allem eine höhere Geburtenrate. Die wichtigsten Hebel dafür seien Mutterschaftsurlaub und Kitas, wobei die Schweiz im internationalen Vergleich wenig grosszügig und teuer sei.
Über Reformbedarf und politische Realität sprach anschliessend Barbara Zimmermann-Gerster vom Schweizerischen Arbeitgeberverband. Die Überalterung betreffe nicht nur die Altersvorsorge, sondern auch Wettbewerbsfähigkeit, Beitragsbasis und Standortattraktivität. 2025 sei ein Kipppunkt gewesen, weil in der Schweiz erstmals mehr über 65-Jährige als unter 20-Jährige lebten. Dadurch gerate die Umlagefinanzierung stark unter Druck.
Die Finanzierung der 13. AHV-Rente sei weiterhin ungeklärt, und «die IV ist nahezu bankrott», sagte Zimmermann-Gerster. Durch die neusten Reformen in der Sozialpolitik bestehe insgesamt eine Finanzierungslücke von rund zwölf Milliarden Franken. Wichtig seien deshalb Paketlösungen statt Einzelmassnahmen. «Wir werden aber nicht darum herumkommen, das Rentenalter zu erhöhen», warnte sie.
In der anschliessenden Podiumsdiskussion diskutierten Angela Meier von der Outvision GmbH, Judith Scherzinger von der Bauwerk Group und Urs Ryffel von der Huber + Suhner AG über die Auswirkungen des demografischen Wandels auf Ostschweizer Unternehmen. Im Hinblick auf technologische Entwicklungen seien die Pflege eigener Talente und das Nutzen von Entwicklungsmöglichkeiten entscheidend. «Der Mensch wird durch die Digitalisierung und Innovation noch stärker ins Zentrum gestellt», sagte Meier.
Trotz steigendem Rekrutierungsaufwand sei der Standort Ostschweiz dank hoher Lebensqualität kein Nachteil. Junge Talente würden die produzierende Industrie sowie die internationale Ausrichtung der Unternehmen anziehen, sagte Scherzinger. Im Standortwettbewerb um Arbeitskräfte solle «die Politik nicht zu stark eingreifen und nicht versuchen, Probleme der Unternehmen zu lösen», mahnte sie.
Dazu zähle auch die Möglichkeit, Mitarbeiter über das Alter von 65 Jahren hinaus weiter zu beschäftigen. Solche Optionen müsse man jedoch frühzeitig diskutieren, gab Ryffel zu bedenken.
Zur Abstimmung über die Initiative für eine 10-Millionen-Schweiz bezog Ryffel ebenfalls Stellung. Er lehnt die Vorlage ab: «Eine Obergrenze ist der falsche Ansatz für die Probleme, die wir lösen wollen.»
Mitglieder des International Students’ Committee, die das diesjährige St.Gallen Symposium mitorganisiert hatten, schilderten in Impulsreferaten ihre Eindrücke aus Deutschland, Nordamerika und Indien. Die Beispiele reichten vom je nach Branche sehr unterschiedlichen Betroffensein deutscher Unternehmen über den bröckelnden «American Dream» bis zur jungen, gut ausgebildeten Bevölkerung Indiens.
Antonia Mau, Lorenzo Ayala-Bombino und Benjamin Beck waren sich einig, dass im unterschiedlichen Umgang mit dem demografischen Wandel auch grosses Potenzial für eine engere internationale Zusammenarbeit liegt.
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Zum Abschluss hob IHK-Direktor Markus Bänziger zentrale Aussagen der Veranstaltung hervor. «Nicht nur steigt die durchschnittliche Lebenserwartung weiterhin, auch immer mehr Menschen werden deutlich älter.» Die Alterung der Gesellschaft sei für den Einzelnen ein Segen, für die Gesellschaft jedoch eine herkulische Herausforderung.
Für die künftige Sicherung von Wohlstand und Versorgung sei entscheidend, «wie viele Menschen in der Schweiz arbeiten, nicht, wie viele hier leben», sagte Bänziger. Da die Sozialwerke auf Wachstum ausgerichtet seien, brauche es Reformen an verschiedenen Stellschrauben. «Die Lösungen sind unbequem. Aber wir dürfen die Last der alternden Gesellschaft nicht einfach den jungen Menschen aufbürden.»
Das EcoOst St.Gallen Symposium ist ein gemeinsames Veranstaltungsformat der IHK St.Gallen-Appenzell, der IHK Thurgau, des St.Gallen Symposiums und der Universität St.Gallen. Es macht die Erkenntnisse und den Generationendialog des internationalen St.Gallen Symposiums einem breiteren Publikum in der Ostschweiz zugänglich und übersetzt globale Themen in einen regionalen Kontext. Ermöglicht wird das Format durch die Veranstaltungspartner Tagblatt und Funk Insurance Brokers AG.