Rhema-Gwerblertag zeigt: Geopolitik und KI setzen Unternehmen unter Druck
Text: Fabian Alexander Meyer
Durch den Gwerblertag führte der bereits durch das SRF bestens bekannte Moderator Tobias Müller. «Die Zeiten sind turbulent. Wir leben inmitten geopolitischer Spannungen, Kriegen, einer KI-Welle und auch das Inflationsgespenst geistert herum.»
Er verglich die aktuelle Weltlage mit einer Ampel. «Zwar sind wir noch nicht bei Rot angekommen, aber Grün sind wir auch nicht mehr.» Folglich Orange. «Und nein, das hat nichts mit der Hautfarbe eines bestimmten Präsidenten zu tun. Ich nenne die Ampel daher einfach Trumpel.»
«Lockerheit und Humor nicht vergessen»
Wie bleibt man auch in solchen Zeiten resilient und führt sein Unternehmen in die Zukunft? Wann lohnt sich Stillstand und ein bewusstes Zurückschauen? Diesen Fragen gingen mehrere hochkarätige Referenten auf den Grund.
Christof Schwarber, Direktor der Helvetia-Generalagentur Rheintal, gab einen Überblick über aktuelle Verzögerungen, mit denen sich viele Unternehmen konfrontiert sehen: «Diese können beispielsweise finanzieller Natur sein – ausbleibende Löhne und Zahlungen.»
Nicht zuletzt der Exporthandel hat unter Umständen einen Einfluss darauf. «Aber auch Hackerangriffe und generelle Ausfälle machen derzeit zu schaffen.» Die Lösung: «Die Prozesse immer wieder überarbeiten und bei der Lancierung von neuen Produkten zuerst einmal testen, wie es überhaupt ankommt.»
Adrian Knechtle, Direktor der Clientis Biene Bank im Rheintal, ergänzt: «Wir müssen agieren, statt einfach nur zu reagieren. Damit konnten schon viele Firmen viele Probleme von sich fernhalten. Zudem darf man trotz der ganzen ernsten Situationen und düsteren Ausblicke die Lockerheit und den Humor nicht vergessen.»
Anzeige gegen Unbekannt
Bundesrätin Karin Keller-Sutter gab im Anschluss einen detaillierteren Überblick über die geopolitische Lage. Zuerst kam sie auf die aktuell wohl drängendste Frage zu sprechen: Jene nach der Blockade der Strasse von Hormus. «Wenn die Situation so weitergeht, werden wir im Herbst eine schwierige Wirtschaftslage haben. Das wird die Weltwirtschaft verändern.» Auch eine Inflation wäre denkbar.
Keller-Sutter ist bekannt dafür, dass sie ihr Amt als Bundesrätin in einer schwierigen Zeit angetreten hat. Stichwort Corona-Pandemie und Credit Suisse. Dennoch hat sie es geschafft, die Situation nie eskalieren zu lassen. «Wir müssen unser Land und die Steuerzahler schützen. Grosskonzerne dürfen nicht auf Kosten der Steuerzahler weiter ausbauen. Die wirtschaftliche Sicherheit der Schweiz ist ein grosser Erfolgsfaktor.»
Als Person in einem öffentlichen Amt kann man es niemals allen recht machen, weshalb man Kritik ausgesetzt ist. Im Falle der Bundesrätin ging die Kritik aber so weit, dass sie auf Posts auf X (Twitter) Strafanzeige gegen Unbekannt eingereicht hat. «Normalerweise werden solche Dinge mit der Bundespolizei angeschaut. Und wenn die Personen dann zu einer Anhörung geladen werden, sehen sie den Fehler meistens ein.»
Süssigkeiten und Bergbahnen
Im Anschluss kamen Sandra Freund (Geschäftsführerin SF Retail) und Roger Büchel (Eigentümer Bergbahnen Gemmi) an die Reihe. Freund kaufte mit «Lollipop» eine sterbende Marke auf, Büchel kaufte sich mehr oder weniger über Nacht eine Bergbahn im Leukerbad. Was beide gemeinsam haben: Sie leiten die Unternehmen erfolgreich.
Auf dem Papier klingt es wie ein wahrgewordener Traum, einen eigenen Süsswarenladen zu betreiben. Doch hinter der Kette stehen zwei Jahre intensiver Arbeit. «Das war eine sehr harte Zeit für uns. Zwar konnten wir expandieren, mussten bestimmte Filialen aber auch wieder schliessen.» Daraus resultierte auch eine Lehre, die den versammelten Gwerblern mitgegeben werden sollte: «Haben Sie keine Angst vor Entscheidungen, auch wenn sie sich vielleicht nicht immer als richtig herausstellen.»
Eine Entscheidung, die Büchel wohl nie bereuen wird, ist der Kauf der Bergbahnen Gemmi im Kurort Leukerbad. «Das ist für mich ein Kraftort», sagte er. Das Angebot zu einem Kauf bekam er durch einen Kontakt vermittelt. Nachdem er darüber geschlafen hatte und auf dem Papier schon sehr begeistert war, reiste er noch in der gleichen Woche ins Wallis und erlebte eine Liebe auf den ersten Blick. «Nach einer Krise baute sich Leukerbad neu auf und mittlerweile steigen die Zahlen immer weiter.»
Ein Überblick über Cybercrime
Serdar Günal Rütsche, Chef Cybercrime bei der Kapo Zürich sowie Head of NEDIK, gab einen Überblick über das Gesprächsthema Nummer eins: Künstliche Intelligenz. «Bei einem Tötungsdelikt dauert es in der Regel maximal eine Woche, bis wir eine verlässliche und beweissichere Spur haben. Bei Cyberkriminalität ist das nicht ganz so einfach. Da dauert es bis zu zwei Wochen, bis wir einen ungefähren Überblick haben und dann kann es noch einmal bis zu einem Jahr dauern, bis die Handschellen klicken.»
Dies liegt unter anderem daran, weil bei Cybercrime noch keine allgemeingültigen Bestimmungen und Vorgehensweisen gelten. «Dafür müssten wir alle Kantone einbinden und jeder davon hat eine eigene Meinung.»
Um dem Cybercrime allerdings dennoch zu begegnen und die Erfassung und Aufarbeitung von Delikten zu vereinfachen, gibt es die Website «cybercrimepolice.ch». Dort können sich Geschädigte melden und erhalten innert Kürze eine Antwort. Zudem werden dort auch Meldungen entgegengenommen. Allerdings müssen die Bestimmungen beachtet werden.
Und wie kann man sich am besten dagegen schützen? Einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht, aber man kann Vorkehrungen treffen. Nebst der Schulung von Mitarbeitern und dem Erarbeiten eines Protokolls, welches im Ereignisfall durchgespielt werden kann, lohnt es sich auch, zu checken, wo welche Daten benutzt werden, resp. welche Apps installiert sind. Und natürlich das Einrichten einer Multi-Faktor-Authentifizierung. Weitere Details gibt es hier. Im Notfall gilt immer: 117 anrufen.
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Noch ist nichts verloren
Den Abschluss machte Dr. Tobias Gerfin, CEO von Kuhn Rikon. Sein Tipp für die aktuelle Weltlage: Konzentrier dich darauf, was du bewegen kannst. «In Krisen gilt es, gelassen zu bleiben. Wir haben keinen Einfluss auf das Weisse Haus. Doch kann man immer gelassen bleiben? Nein. Das ist ja auch normal.» Eine gute Vorbereitung sei, die Unternehmensstrategie im Auge zu behalten und nötigerweise anzupassen.
Was kann vom Gwerblertag mitgenommen werden? Die Zeiten sind düster, aber noch ist nichts zu spät. Das Beste, was man tun kann, ist, Entscheidungen zu treffen. Zwar gut überlegt, aber auch nicht mit zu viel Überdenken. Zwar ist die Trumpel nicht mehr Grün, aber sie ist auch noch nicht rot. Viel mehr ist sie – dem Namen wird sie gerecht – Orange.