Iran-Krieg bremst Ostschweizer Wirtschaft
Text: pd/stz.
Baufolien, Selbstklebematerialien, Kunststoffgranulate, Belagmischgut, Schmiermittel, Aluminiumteile oder Kühlmittelzusätze: Die Liste jener Vorprodukte und Rohmaterialien, bei denen Ostschweizer Unternehmen negative Auswirkungen melden, ist lang. Die Folgen des Iran-Kriegs und der Blockade der Strasse von Hormus beschränken sich längst nicht mehr auf höhere Erdölpreise. Je länger der Konflikt dauert, desto stärker fallen auch indirekte Effekte auf Lieferketten, Kosten, Nachfrage und Investitionen ins Gewicht.
An der gemeinsamen Umfrage der IHK St.Gallen-Appenzell und der IHK Thurgau nahmen 218 Ostschweizer Unternehmen teil. Knapp 57 Prozent der Betriebe berichten, selbst negativ vom Iran-Krieg betroffen zu sein. Vier Prozent sehen positive Auswirkungen, knapp 40 Prozent sind nach eigenen Angaben nicht tangiert. Besonders exponiert sind Industrie- und Grosshandelsunternehmen.
Die Wirkungskanäle sind vielfältig. Jeweils knapp zwei Drittel der befragten Betriebe sehen oder erwarten volkswirtschaftliche Herausforderungen durch erhöhte Unsicherheit sowie durch Lieferverzögerungen und Lieferengpässe. Auch eine schwächere Nachfrage, ein erhöhter Inflationsdruck und der Aufwertungsdruck auf den Schweizer Franken werden von jeweils rund der Hälfte der Unternehmen als Belastung beurteilt. Insgesamt rechnen neun von zehn befragten Betrieben mit negativen Effekten auf das Schweizer Wirtschaftswachstum in den nächsten sechs bis zwölf Monaten.
Bei jenen Unternehmen, die direkt betroffen sind, stehen höhere Energie- und Treibstoffkosten sowie gestiegene Transport- und Logistikkosten im Vordergrund. Beide Herausforderungen werden von mehr als drei Vierteln dieser Betriebe genannt. 57 Prozent kämpfen zudem mit Verzögerungen in den Lieferketten. Diese Faktoren wirken kostensteigernd und erhöhen den Inflationsdruck.
Gleichzeitig zeigen sich negative Effekte auf der Nachfrageseite. Häufig genannt werden die erhöhte Unsicherheit, eine schwächere Exportnachfrage sowie eine tiefere allgemeine Investitionstätigkeit. Auch der Aufwertungsdruck auf den Schweizer Franken wird vielfach als Belastung wahrgenommen. Die Kombination aus steigenden Kosten und gedämpfter Nachfrage verschlechtert das Konjunkturumfeld. Der erhoffte Aufschwung in der Ostschweizer Industrie ist bislang ausgeblieben, die Aussichten bleiben verhalten.
Die Unternehmen reagieren auf die Lage vor allem mit einer systematischen Beobachtung und Analyse der Entwicklung. Mehr als die Hälfte der betroffenen Betriebe hat zudem bereits Preisanpassungen vorgenommen oder zieht solche in Betracht. Entlang der Lieferketten wurden ebenfalls Massnahmen ergriffen oder geplant. Dazu zählen höhere Lagerbestände, die Prüfung alternativer Lieferanten, eine intensivere Kommunikation mit Kunden und Lieferanten sowie Anpassungen bei Transportwegen oder Logistikpartnern. Mehr als jedes fünfte betroffene Unternehmen plant zudem, Investitionen zu verschieben.
Von den betroffenen Unternehmen meldet bereits jedes vierte erhebliche Störungen in den Produktions- oder Geschäftsprozessen. Dieser Anteil könnte weiter steigen, falls das angekündigte Abkommen zwischen den USA und dem Iran nicht rasch unterzeichnet und konsequent umgesetzt wird. Weitere 30 Prozent erwarten erhebliche Störungen bis im Herbst, sofern bis dahin keine Normalisierung oder Stabilisierung der Lage eintritt und die Strasse von Hormus blockiert bleibt.
Das nun angekündigte Abkommen schürt Hoffnung auf eine gewisse Entspannung. Entscheidend dürfte jedoch sein, wie rasch und wie nachhaltig die Strasse von Hormus wieder passierbar wird. Die Umfrage macht deutlich: Die Ostschweizer Wirtschaft ist vom Konflikt bereits breit betroffen. Zugleich bleiben die Abwärtsrisiken erheblich, solange die internationale Lage angespannt und die Versorgung über zentrale Handelsrouten unsicher bleibt.
Die Umfrage zum Iran-Krieg und seinen Auswirkungen auf die Ostschweizer Wirtschaft wurde von der IHK St.Gallen-Appenzell und der IHK Thurgau gemeinsam durchgeführt. Befragt wurden die Mitglieder der beiden Industrie- und Handelskammern im Zeitraum vom 2. bis 11. Juni 2026. Insgesamt nahmen 218 Unternehmen teil, davon sind 131 international tätig; 46 unterhalten Geschäftstätigkeiten in oder mit der Golfregion. Die Resultate sind abrufbar unter www.ihk.ch/umfrage-iran.