Hof zu Wil wird zum öffentlichen Erlebnisort
Text: pd/stz.
Markus Graf (52) ist in Teufen geboren und lebt seit vielen Jahren in Wil. Nach dem Lehrerseminar absolvierte er die Tourismusfachschule und schloss als Tourismusfachmann ab. Es folgten zehn Jahre als Leiter Sport auf dem Sportsekretariat der Stadt Wil sowie weitere zehn Jahre als Kirchgemeindeschreiber der evangelischen Kirchgemeinde Wil. In der vergangenen Sommersaison arbeitete er im Berggasthaus Schäfler.
Graf verbindet Führungserfahrung, Organisationsstärke und touristisches Know-how mit einer tiefen regionalen Verankerung. Gemeinsam mit Jenny Schäpper-Uster, die das Coworking verantwortet, Astrid Hollenstein im Info-Center und Patrick Cotting (Hofwelten) entsteht eine breit abgestützte Hofleitung mit klaren Zuständigkeiten. «Kommunikation ist zentral», sagt Graf. «Alle sollen wissen, was sie wissen müssen. So lassen sich Fragen klären, Erwartungen steuern und Vertrauen aufbauen.» Neben der inhaltlichen Positionierung steht der Aufbau des Betriebsteams im Fokus, von Führungen über Hauswartung bis zur Veranstaltungsorganisation.
Vom abgeschlossenen Machtzentrum zum offenen Erlebnisort
Über Jahrhunderte war der Hof zu Wil das Hauptregierungsgebäude der Fürstabtei St.Gallen. Hier wurde verwaltet, gerechnet und entschieden. In den barocken Räumen bestimmten die Fürstäbte die wirtschaftliche Entwicklung weiter Teile der Ostschweiz. Später prägten Brauerei, Käsebörse und Viehhandel das Haus. Doch eines blieb konstant: Der Hof war kein öffentlicher Ort im heutigen Sinn. Er war Machtzentrum, Verwaltungsgebäude und Wirtschaftsstandort, aber nie frei zugänglich für die breite Bevölkerung.
«Dass der Hof ab diesem Sommer in seiner Gesamtheit offensteht, ist historisch aussergewöhnlich», sagt Markus Graf. Erstmals seit vielen hundert Jahren kann die Bevölkerung jene Räume betreten, die früher politischen und wirtschaftlichen Eliten vorbehalten waren.
Mit den neuen Hofwelten, der Hofkapelle, der Fürstabtebene und dem Coworking entsteht ein Erlebnisort. Geschichte wird nicht nur gezeigt, sondern erfahrbar gemacht. Denkmalgeschützte Architektur trifft auf moderne Infrastruktur. Glasfaser-Internet, flexible Arbeitsplätze und kulturelle Formate knüpfen an die wirtschaftliche Tradition des Hauses an, in zeitgemässer Form.
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Das vollendete Kleeblatt
Mit der Öffnung des Hof zu Wil wird das kulturhistorische Gefüge der ehemaligen Fürstabtei St.Gallen vollständig. Die Kathedrale steht für das geistliche Zentrum, die Stiftsbibliothek für das geistige Erbe und der Klosterplan für die visionäre Kraft dieser Epoche. Der Hof zu Wil verkörpert die weltliche Macht und wirtschaftliche Steuerung. Von hier aus wurden Einnahmen verwaltet, Verträge geschlossen und politische Entscheidungen vorbereitet.
«Mit seiner vollständigen Öffnung wird dieses vierblättrige Ensemble erstmals wieder als Ganzes sichtbar und öffentlich zugänglich», sagt Markus Graf. Der Hof ergänzt die bekannten Kulturstätten um jene Dimension, die bisher fehlte: die konkrete administrative und wirtschaftliche Praxis.
Vision 2030: Der Hof als Identität von Wil
Markus Graf denkt über die Neueröffnung hinaus. Seine Vision: Der Hof wird zum selbstverständlichen Mittelpunkt der Stadt. Ein Samstag im Jahr 2030: Auf dem Platz vor dem Hof findet ein Markt statt. Einheimische und internationale Gäste schlendern durch die Stände, besuchen die Hofwelten, nehmen an Führungen teil oder verweilen in der Kapelle oder im Boulevard des Restaurants.
Der Hof ist kultureller Treffpunkt, touristischer Anziehungspunkt und wirtschaftlicher Impulsgeber zugleich. «Wenn man fragt: Was ist Wil? Dann soll die Antwort lauten: Dort, wo der Hof ist.» Dieses Ziel verfolgt Markus Graf.
Der Hof soll sinnbildlich für eine Stadt stehen, die Geschichte bewahrt und Zukunft gestaltet, alt und innovativ zugleich, kein museales Relikt, sondern ein lebendiger Ort im Wandel.
4. Juli 2026: Der Hof öffnet seine Tore
Die grosse Neueröffnung am Samstag, 4. Juli 2026, markiert den sichtbaren Beginn dieser neuen Phase. Bereits in der Woche davor lädt ein umfassendes Rahmenprogramm mit Führungen, kulturellen Veranstaltungen und Begegnungen dazu ein, den Hof neu zu entdecken. Erstmals wird der gesamte Hof in einer abgestimmten Gesamtinszenierung zugänglich sein. Besucher können Räume erkunden, die über Jahrhunderte verborgen waren. Farben und Gestaltungselemente greifen heraldische Motive und historische Wappen auf. Vergangenheit und Gegenwart treten in einen sichtbaren Dialog. Mit der Neueröffnung wird der Hof zu Wil als kultureller Treffpunkt und wirtschaftlicher Impulsort dauerhaft verankert, offen für alle und bereit für die kommenden Jahrzehnte.