Gegenwind als Antrieb
Text: pd/stz.
Der Anlass wurde von den drei grossen Thurgauer Wirtschaftsverbänden getragen: der Industrie- und Handelskammer Thurgau, dem Thurgauer Gewerbeverband und dem Verband der Thurgauer Landwirtschaft. Boom! versteht sich als neues Format, bei dem sich Unternehmer mit jungen Fach- und Führungskräften austauschen, Fragen der Zeit diskutieren und offen für neue Perspektiven bleiben.
Den Auftakt machte Alessandro Bee, Ökonom bei UBS. Er gab Einblick in eine aktuelle Unternehmensumfrage zu geopolitischen Spannungen, Protektionismus und künstlicher Intelligenz. Dabei zeigte sich unter anderem, dass Industrieunternehmen verstärkt auf Energiesparmassnahmen und eigene Energieproduktion setzen. Angesichts des weltweit zunehmenden Protektionismus durch Zölle wünschen sich die befragten Unternehmen vom Staat vor allem Unterstützung für Forschung und Entwicklung, weitere Freihandelsabkommen sowie einen gesicherten Zugang zum europäischen Binnenmarkt.
Im weiteren Verlauf des Abends wurde deutlich, wie nahe Erfolg und Misserfolg beieinanderliegen können. Patrizia Laeri, CEO von ellexx und Wirtschaftsjournalistin, sprach über finanzielle Ungleichheiten und unternehmerischen Mut. Sie zeigte auf, dass sich 56 Prozent der Frauen in der Schweiz finanziell nicht über Wasser halten könnten und 70 Prozent der Frauen nicht investiert seien. Mit ellexx und dem Buch «Close the Gaps» wolle sie dazu beitragen, diese Lücken zu schliessen. Zugleich berichtete Laeri, wie sie ihr Unternehmen zusammen mit ihren Mitgründerinnen gegen mediale Widerstände und persönliche Herausforderungen aufgebaut hat.
Besonders eindrücklich waren auch die Ausführungen von Peter Fankhauser. Der heutige Managing Partner von Manres war letzter CEO der Thomas Cook Group und erlebte einen der spektakulärsten Zusammenbrüche der europäischen Tourismusindustrie aus nächster Nähe. Seine persönlichen Einblicke in die letzten Monate des Konzerns, in Führungsverantwortung, Druck und Neuanfang zogen das Publikum sichtlich in den Bann. Sowohl Patrizia Laeri als auch Peter Fankhauser machten deutlich, wie wichtig Familie, enge Freunde und ein starkes Team in schwierigen Phasen sind.
Eine wirtschaftspolitische Einordnung lieferte Ronald Indergand, Leiter der Direktion Wirtschaftspolitik beim SECO. Er zeigte auf, dass die Schweiz trotz internationaler Unsicherheiten über eine hohe Resilienz und eine starke Entwicklung verfügt. Getragen werde diese von Stabilität, Offenheit, gesunden Staatsfinanzen sowie einem starken Bildungs- und Forschungsstandort. Wichtig sei, den Strukturwandel nicht zu behindern. Gleichzeitig würden die Herausforderungen durch Unsicherheit, Protektionismus, regulatorische Belastungen, Alterung und Energiefragen wachsen. In einem solchen Umfeld gewännen stabile Standortfaktoren zusätzlich an Bedeutung.
Dass Innovation nicht nur in urbanen Technologieräumen, sondern auch im Thurgauer Obst- und Beerenanbau entsteht, zeigten Beat und Thomas Lehner. Die Brüder erläuterten, wie moderne Pflanzenschutzmethoden, robustere Sorten und KI-Unterstützung dazu beitragen können, regionale Nahrungsmittel erfolgreich und zukunftsfähig zu produzieren. Ihr Beitrag machte sichtbar, wie stark Unternehmertum, Landwirtschaft, Technologie und Anpassungsfähigkeit inzwischen miteinander verbunden sind.
Den Abschluss des Abends gestaltete Désirée Rehnert, Wirtschaftspsychologin und Dozentin an der ZHAW. Sie brachte eine Perspektive ein, die im unternehmerischen Alltag oft unterschätzt wird: die innere Haltung gegenüber Widerständen. Im Gespräch mit Moderator Julian Thorner erklärte sie, dass Emotionen eine wichtige Funktion hätten und nicht unterdrückt werden sollten. Zugleich gebe es Wege, Emotionen zu regulieren und aus einer Blockade wieder ins Handeln zu kommen.
Der vierte Thurgauer Wirtschaftstag zeigte damit auf mehreren Ebenen, was «Vorwärts mit Gegenwind» bedeuten kann. Widerstände verschwinden nicht einfach. Sie können aber Orientierung schärfen, Entscheidungen beschleunigen, neue Ideen freisetzen und den Blick auf das Wesentliche lenken. Gerade in Zeiten geopolitischer Unsicherheit, technologischer Veränderung und wachsender regulatorischer Belastung braucht es Unternehmen, die nicht nur reagieren, sondern gestalten.
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Boom! bot dafür einen Abend mit wirtschaftspolitischer Analyse, persönlichen Erfahrungsberichten, unternehmerischer Praxis und psychologischer Einordnung. Der Anlass machte deutlich: Wer Gegenwind überwinden will, braucht nicht nur Strategie und Ausdauer, sondern auch ein starkes Umfeld, Offenheit für Veränderung und die Fähigkeit, aus Widerstand neue Energie zu gewinnen.