St.Gallen

Flugjahre für Glücksritter

Flugjahre für Glücksritter
Der Solarboom hat auch Schattenseiten
Lesezeit: 4 Minuten

Im Rheintal schiessen Solarfirmen aus dem Boden – und verschwinden teils ebenso schnell wieder. Jüngstes Beispiel ist die Gama Photovoltaik AG, die nach rasantem Wachstum Konkurs anmelden musste. Der Fall wirft erneut Fragen zu Geschäftsmodellen, Marktüberhitzung und Verantwortung in der Branche auf.

Text: Fabian Alexander Meyer/Rheintal24

Am 22. Januar wurde der vorläufige Konkurs über die Gama Photovoltaik AG verhängt. 42 Mitarbeiter verlieren damit ihren Job. Zu den Gründen schweigt sich das Unternehmen aus. Wir haben berichtet

Das im März 2022 gegründete Unternehmen startete furios und fiel mit einem grossen Wagenpark sowie starker Sponsoringpräsenz in der Region auf. Der Mitarbeiterbestand wuchs rasch auf rund 80 Angestellte. Die Probleme begannen wohl bereits 2024. Nachdem Marcel Steiert in seiner Funktion als CEO demissioniert hatte, kam der Zürcher Anwalt Jon Turnes. Allerdings nur für drei Monate. Im Anschluss übernahm Marcel Manser – ein erfolgreicher Immobilienunternehmer und Aktionär der Gama Photovoltaik AG – das operative Geschäft, konnte den Konkurs jedoch ebenfalls nicht mehr abwenden.

Mitbewerber fordert Anzahlungsverbot

Gemäss Betreibungsauszug beliefen sich die Forderungen bei Konkurseröffnung auf rund 260'000 Franken. Allerdings dürften in den nächsten Tagen und Wochen noch weitere Forderungen beim Konkursamt eingehen. Insgesamt sollen 140 Anlagen aus Aufträgen noch nicht verbaut sein, heisst es aus Mitarbeiterkreisen. Interessant in diesem Zusammenhang: Robert Veronik, Geschäftsführer des Mitbewerbers Hansesun Photovoltaik Swiss GmbH, fordert ein Anzahlungsverbot auf Anlagen und sieht in diesem Zusammenhang den Verband in der Pflicht

Es ist nicht das erste Mal, dass eine Rheintaler Solarfirma vor dem Aus steht. Im letzten Jahr musste unter anderem die Viva Solar AG aus Balgach nach medialem Getöse den Konkurs anmelden

Weitere prominente Beispiele sind der Konkurs der Mons Solar, die kurz vor dem Kollaps noch geprellte Viva-Kunden übernehmen wollte, sowie der Konkurs der Clean Energy Industries GmbH, der allerdings bedeutend länger zurückliegt als die Fälle Viva und Mons, die beide aus dem Jahr 2025 stammen.

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David Stickelberger
David Stickelberger

Auffallender Lifestyle

Während bei einigen Solarunternehmen im Rheintal die Lichter ausgingen oder sich der Geschäftsgang rückläufig entwickelte, präsentierten sich vereinzelte Chefs dieser Unternehmen in sozialen Medien mit protzigem Luxus, teuren Fahrzeugen und glamourösen Ferien. Diese Selbstdarstellung wirkt rückblickend wie ein Symbol für fragwürdige Führungs- und Geschäftspraktiken.

Wie kommt es, dass im Rheintal derart viele Firmen aus dem Boden spriessen und anschliessend wieder eingehen? «Wir haben keine abschliessende Erklärung für diese Häufung. Eine ähnliche Konzentration gibt es auch in grenznahen Gebieten der Romandie», sagt David Stickelberger, stellvertretender Geschäftsführer beim Verband Swissolar.

Daher sei zu vermuten, «dass es sich teils um Firmen mit ausländischen Wurzeln handelt, die mit der Situation in der Schweiz ungenügend vertraut waren». In den Jahren 2019 bis 2023 sei ein jährliches Marktwachstum von durchschnittlich 50 Prozent sichtbar gewesen. Das habe viele neue Unternehmen angezogen.

Sinkende Nachfrage

Und wie kann es sein, dass so viele Firmen so schnell wieder dichtmachen müssen? «2025 gehen wir von einem Rückgang der Verkaufszahlen gegenüber dem Vorjahr von 10 bis 15 Prozent aus (genaue Zahlen werden im Juli veröffentlicht). Das hat insbesondere Firmen mit wenig Erfahrung und ohne zusätzliches Standbein in Schwierigkeiten gebracht, obschon klar war, dass nach dem Wachstum eine Konsolidierung kommen würde.»

Im Jahr 2024 wurde die Wachstumsphase mit einem Zuwachs von zehn Prozent bereits gebremst. Oft fehle zudem schlicht die wirtschaftliche Erfahrung und eine langfristige Planung. «In einzelnen Fällen gab es auch unseriöses Verhalten, zum Beispiel mit aggressiven Verkaufsmethoden.»

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Willy Langenegger
Willy Langenegger

Swiss Photovoltaik setzt auf Vertrauen

Das sich stetig verändernde Marktumfeld ist nicht der einzige Faktor, der sich auf die Solarbranche als Ganzes auswirkt. Schlagzeilen wie jene rund um die Viva Solar oder jüngst auch Gama Photovoltaik rücken die Branche in ein schlechtes Licht – und damit auch ehrlich arbeitende Betriebe. So musste unter anderem auch die Swiss Photovoltaik aus Kriessern bereits hautnah erfahren, wie es ist, mit misstrauischen Kunden konfrontiert zu sein. Das Unternehmen hat trotz einer bald zwanzigjährigen Geschichte mit Vorurteilen zu kämpfen.

Willy Langenegger, Inhaber und Geschäftsführer, sagt dazu: «Wir spüren sehr klar, dass Kunden heute skeptischer sind und sich deutlich mehr Zeit für ihre Entscheidungen nehmen. Das ist aus unserer Sicht absolut nachvollziehbar, gerade vor dem Hintergrund der jüngsten Firmenkonkurse und negativen Berichte in der Branche.» Deshalb werde bei den Kriessnern bewusst auf maximale Transparenz und Vertrauen gesetzt.

Medienberichte über Abzocke, Konkurse und andere Negativschlagzeilen rund um die Branche hinterlassen bei der Kundschaft ein entsprechend belastetes Bild. «Viele Kunden können nur schwer unterscheiden, ob es sich um einzelne schwarze Schafe oder um ein strukturelles Problem handelt. Das führt zu Verunsicherung und Zurückhaltung bei Investitionsentscheidungen.»

Verantwortungsvoll wirtschaften

Den entscheidenden Unterschied zwischen ehrlich arbeitenden Firmen und jenen, die nur auf das schnelle Geld aus sind, macht laut Langenegger ein bestimmtes Merkmal aus: «Die echte Faszination für die Photovoltaik selbst. Wer diese Branche nur als kurzfristige Gelegenheit zum schnellen Geldverdienen sieht, wird kaum nachhaltig bestehen.»

Finanzen sind dabei ein zentrales Stichwort. «Entscheidend ist, dass man bereits in guten Marktphasen verantwortungsvoll wirtschaftet.»

Ein weiterer Schlüsselfaktor ist die klare Priorisierung der Unternehmensentwicklung vor privater Bereicherung. «Langfristige Stabilität entsteht nur, wenn nachhaltige Strukturen aufgebaut werden.» Nicht zuletzt spielt auch eine realistische Selbsteinschätzung eine grosse Rolle. «Selbstüberschätzung oder Hochmut können in Wachstumsphasen schnell zu falschen Entscheidungen führen. Bodenständigkeit, Fachwissen und langfristiges Denken sind letztlich die wichtigsten Voraussetzungen, um auch in herausfordernden Marktphasen stabil zu bleiben.»

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