21.08.2018

Das Kunstmuseum ist fein raus

Die «Sturzeneggersche Gemäldesammlung» des Kunstmuseums St. Gallen ist keine Raubkunst. Das hat eine Untersuchung ans Licht gebracht. Der Schlussbericht wurde vom Bundesamt für Kultur bereits genehmigt.

Die Unterstützung durch das BAK (Bundesamt für Kultur) erlaubte dem Kunstmuseum St.Gallen 2017 die Aufnahme der Provenienzforschung in einem klar definierten Bereich: dem Bestand der Sturzeneggerschen Gemäldesammlung. Der Schlussbericht liegt nun vor und wurde vom BAK bereits genehmigt. Das Forschungsprojekt erbrachte für keines der untersuchen Werke ein konkretes Verdachtsmoment bezüglich der kritischen Jahre 1933–1945. Einige der berühmtesten Werke der Sammlung, darunter Alfred Sisleys «Le Jardin», 1873, oder Anselm Feuerbachs «Nanna», 1864/65, konnten hinsichtlich ihrer Provenienz vollständig geklärt und eine lückenlose, unbedenkliche Besitzabfolge in der Zeit der NS-Herrschaft nachgewiesen werden. Der vollständige Schlussbericht ist in Absprache mit dem BAK auf der Homepage des Museums abrufbar.

Die Sturzeneggersche Gemäldesammlung im Fokus der Provenienzforschung
Der Stickereiunternehmer Eduard Sturzenegger (1854–1932) übergab im Jahr 1926 der Stadt St.Gallen eine ursprünglich 175 Positionen umfassende Schenkung von Werken mehrheitlich des 19. Jahrhunderts aus Deutschland, Österreich, Frankreich und der Schweiz. Aus qualitativen Erwägungen und im Einverständnis mit der Familie des Donators beschloss man 1935 eine tiefgreifende Umgestaltung der Sammlung. Einen ersten Abschluss fand dieser «Umbau» 1937. In den Folgejahren gelangten weitere Werke in die Sammlung bzw. wurden aus dem Bestand veräussert. Heute befinden sich 143 Werke als Bestand der Sturzeneggerschen Gemäldesammlung im Kunstmuseum St.Gallen.

Forschungs- und Recherchearbeiten
Eine grundlegende Projektetappe bildeten die Archiv- und Recherchearbeiten. In einem ersten Schritt wurden die Akten zur Sturzeneggerschen Gemäldesammlung nach archivalischen Vorgaben erschlossen. In einem zweiten Schritt erfolgte die gezielte inhaltliche Sichtung mit Fokus auf die Fragestellung des Projekts. Zahlreiche Anfragen an die heutigen Rechtsnachfolger der damals beteiligten Galerien und Händler folgten. Auch die Suche in Archiven und Nachlässen im In- und Ausland war Bestandteil der umfangreichen und teils komplizierten Nachforschungen.

Der Fokus der Arbeiten lag insbesondere auf der umfangreichen Werkgruppe, die im Zuge des «Sammlungsumbaus» seit 1935 Eingang in den Bestand fand. Es handelt sich hierbei um 90 Werke. Die Akten wurden nach Erwähnungen und Hinweisen auf solche Werke durchforscht. Dabei erwiesen sich die vielfältigen Dokumente generell als aufschlussreich: Sämtliche vorhandenen Werke sind aktenkundig. Umgekehrt gelang in fast allen Fällen, auch bei wechselnden und oft knappen Bildtiteln, die Verknüpfung archivalischer Erwähnungen mit den betreffenden Objekten im Sammlungsbestand.

Weiterhin Lücken in der Provenienz einiger Werke
Die Erkenntnisse aus Objektbefund, Aktenstudium und Literaturrecherchen wurden für jedes Werk in einer Provenienzkette zusammengefasst. Sie repräsentiert den Stand zum Abschluss des vom BAK unterstützten Forschungsprojekts (Juni 2018) und erlaubt eine Zuweisung in die für den Schlussbericht definierten Kategorien: Zum gegenwärtigen Zeitpunkt können 66 von insgesamt 143 Werken der Kategorie A zugewiesen werden. Diese Gruppe umfasst die Werke, die vor 1933 in der Sturzeneggerschen Gemäldesammlung nachweisbar sind (53 Werke) oder deren Provenienzen für die Jahre 1933–1945 im Verlauf der Untersuchungen lückenlos ermittelt und als unproblematisch beglaubigt werden konnten (13 Werke).

Die übrigen 77 Werke wurden der Kategorie B zugewiesen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt weisen ihre Provenienzen in der kritischen Zeit Lücken auf. Bis zur Ermittlung einer kompletten Besitzabfolge zwischen 1933 und dem Sammlungseingang kann daher eine problematische Herkunft nicht ausgeschlossen werden. Der gegenwärtige Forschungsstand weist jedoch für alle diese Werke keinerlei diesbezügliche Hinweise oder Ungereimtheiten in der dokumentierten Besitzabfolge auf, was zum jetzigen Zeitpunkt ihre Zuordnung zur Kategorie B rechtfertigt. Das aktuelle Forschungsprojekt erbrachte für keines der untersuchten Werke ein konkretes Verdachtsmoment; es mussten deshalb keine Zuweisungen in die Kategorien C oder D vorgenommen werden. (Werke in diesen beiden letzten Kategorien würden einen Hinweis auf mögliche Raubkunst aufweisen bzw. wären eindeutig als NS-Raubkunst identifiziert.)

Fortsetzung der Forschungsarbeiten
Das Kunstmuseum St.Gallen ist entschlossen, die Forschungsarbeiten an der Sturzeneggerschen Gemäldesammlung fortzuführen. Gemäss Vorgaben des BAK haben Projekte von Institutionen, die bereits einen Projektbeitrag an die Provenienzforschung erhalten haben, eine nachgeordnete Priorität. Daher bemüht sich das Museum hierfür um eine Unterstützung aus dem Lotteriefonds des Kantons St.Gallen.

Das BAK hat die zweite Projektausschreibung im Bereich Provenienzforschung bereits am 1. Juni 2018 lanciert. Das Kunstmuseum St.Gallen wird hier ein neues Projekt einreichen.