Ärztegesellschaft fordert Korrektur der Spitalstrategie
17.01.2020

Ärztegesellschaft fordert Korrektur der Spitalstrategie

In der St. Galler Spitallandschaft brodelt es. Nach dem die Spitalkonferenz der St. Galler Gemeinden MedPlus-Spitäler als Alternative zur Strategie der Regierung fordert, sieht auch die Ärztegesellschaft des Kantons St. Gallen Korrekturbedarf. Auch sie lehnt die von der Regierung vorgeschlagene «4plus5»-Strategie in dieser Form ab.

«Die Ärztegesellschaft das Kantons St.Gallen teilt die Meinung des Regierungsrates, dass eine strategische Neuausrichtung der Spitalstrategie nötig ist», heisst es in der Mitteilung. Für die zu wählende Strategie bedarf es für die Ärztegesellschaft aber auch einer Klärung der unterschiedlichen Rollen und Aufgaben der öffentlichen und privaten Spitäler einerseits sowie der freipraktizierenden Ärzte andererseits. «Ein korrekter, betriebswirtschaftlich gerechneter Tarif für den praxis- und spitalambulanten Bereich gehört ebenfalls dazu. Ist es doch heute schon schwierig, den gewünschten medizinischen Nachwuchs in die Ostschweiz zu holen oder hier zu halten», so die Ärztegesellschaft weiter.

Voraussetzungen für eine optimale medizinische Versorgung 
Die Ärztegesellschaft sieht folgende Punkte als notwendige Grundlage und Voraussetzung für die zukünftige medizinische Versorgung des Kantons: 

  • Die bestehenden Spitäler erhöhen ihre Fallzahlen und ihre Versorgungsqualität. 
  • Zur Sicherstellung der ärztlichen Versorgung sind die Praxiszulassungen seitens des Gesundheitsdepartements mit den jeweiligen Regionalvereinen der Ärztegesellschaft transparent zu planen und auch genügend Spezialisten zuzulassen. 
  • Für die Absolventen des Medical Masters müssen genügend Ausbildungsstellen zur Verfügung stehen. 
  • Die Patienten haben freien Zugang zu einer adäquaten Versorgung, welche durch die niedergelassene Ärzteschaft und die Spitäler sichergestellt wird. 
  • Die primäre Versorgung soll in der Regel praxisambulant erfolgen (Hausärzte und Spezialisten). 
  • Zwischen den freipraktizierenden Ärzten und den Spitälern sollen unterschiedlichste Kooperati-onsformen möglich sein. 
  • Der Notfalldienst muss, je nach gewählter Organisationsform, in der Verantwortung der Ärzteschaft und ihrer Regionalvereine bleiben und, wo sinnvoll, unter Mitwirkung der Spitäler oder des Kantons neu aufgestellt werden. 

Übergeordnete Ziele
Das Ziel einer reformierten Spitalpolitik muss laut der Ärztegesellschaft in jedem Fall sein, allen Menschen überall im Kanton eine hohe Qualität an medizinischer Versorgung zu ermöglichen. «Mit welcher Anzahl Spitäler dies zu bewerkstelligen ist, soll nochmals vertieft diskutiert werden. Alle Regionen sind dabei mit gleichen Vorgaben zu messen und zu bewerten», hält die Ärtzegesellschaft fest. Wichtige Punkte sind gemäss Ärztegesellschaft die Erreichbarkeit, eine gute Qualität mit genügenden Fallzahlen sowie attraktive Arbeitsplätze und Arbeitsbedingungen.

Starkes Zentrumsspital und leistungsfähige Regionalspitäler 
Die Ostschweiz brauche ein starkes Zentrumsspital St.Gallen, welches sich für die Region als auch für die Aus- und Weiterbildung des Nachwuchses einsetzt, hält die Ärztegesellschaft fest. 

Es sei aber nicht nachvollziehbar, warum nicht alle Regionen gleich kritisch begutachtet und hinsichtlich des Handlungsbedarfs beurteilt wurden. Sie zweifelt auch an den behaupteten finanziellen Einsparungen. «Die Strategie «4plus5» mit einem Zentrumsspital (Kantonsspital St.Gallen), drei Mehrspartenspitälern (Grabs, Wil und Uznach) und fünf Gesundheits- und Notfallzentren (Wattwil, Altstätten, Walenstadt, Flawil und Rorschach) orientierte sich von Beginn weg und ohne Begründung an bestimmten, nie hinterfragten zahlenmässigen und örtlichen Standortvorgaben», sagt die Ärztegesellschaft.

Gesundheits- und Notfallzentren sind keine Lösung 
«Die vorgeschlagenen fünf Gesundheits- und Notfallzentren (GNZ) sind für eine patientenorientierte Versorgung weder zielführend noch überlebensfähig», hält die Ärztegesellschaft fest. Die minimalistische personelle und medizinische Ressourcenausstattung zeige, dass mit den GNZ keine qualitativ hochstehende Medizin mit teilweiser stationärer Behandlung angeboten werden könne. 

Solche GNZ können aus Sicht er Ärztegesellschaft weder die medizinischen Bedürfnisse der Bevölkerung erfüllen noch wirtschaftlich betrieben werden. «Über kurz oder lang würden sie mangels Qualität, fehlendem Personal und wirtschaftlicher Überlegungen wohl geschlossen werden», sagt die Ärztegesellschaft. Spitäler und niedergelassenen Ärzte sollten gemeinsam die zukünftigen ambulanten Versorgungsstrukturen regional und kantonal entwickeln.

Kein «Ausbluten» der Spitäler 
Die zeitliche Umsetzung erscheint der Ärztegesellschaft unrealistisch zu sein. «Das Personal verlässt schon jetzt die von einer möglichen Schliessung betroffenen Standorte. Es kann zu Schliessungen von einzelnen Abteilungen oder ganzen Spitälern kommen, noch bevor entsprechende Kapazitäten an-dernorts aufgebaut sind», so die Ärztegesellschaft. «Es drohen Engpässe in der Gesundheitsversorgung, die bei der Bevölkerung grosse Unsicherheit und Skepsis gegenüber der Strategie auslösen. Um die Spitäler teils bis 2027 offen zu halten, würde es per sofort enormer finanzieller, personeller und kommunikativer Anstrengungen bedürfen.»

Bis zur Umsetzung der nötigen Massnahmen dürfen laut Ärztegesellschaft keine weiteren Abteilungen geschlossen werden und die betroffenen Spitäler müssen für Mitarbeitende wie auch für die Patienten weiterhin attraktiv ausgestattet und positiv beworben werden. 

Interkantonaler Fokus 
Die Kantonale Ärztegesellschaft erwartet vom Regierungs- und Kantonsrat folglich massgebliche Korrekturen an der vorgestellten Spitalstrategie. «Der Fokus soll insbesondere über den eigenen Kanton hinaus gerichtet werden, da die Patientinnen und Patienten letztlich 'mit den Füssen abstimmen' und das für sie beste kantonale oder ausserkantonale Angebot wählen werden.»