Präzision allein reicht nicht mehr
«Die Branche ist gesund, der Standort nicht mehr ganz.» Thomas Bosshard, Co-CEO der Oertli Instrumente AG in Berneck, bringt die Spannung auf den Punkt: Die alternde Bevölkerung sorgt in der Augenchirurgie für Nachfrage. Doch Frankenstärke, Zölle und Regulierung drücken auf den Ertrag. Oertli sieht besonders in der Netzhautchirurgie Wachstumschancen, etwa mit dem neuen Operationsgerät OS4 Up, das speziell für die Katarakt- (Grauer Star) und vitreoretinale Chirurgie (Glaskörper- und Netzhautchirurgie) entwickelt wurde.
Auch Thomas Kraft, CEO der SIS Medical AG in Frauenfeld, setzt auf Spezialisierung: «Wir wollen nicht über Kostenführerschaft wachsen, sondern über Innovation, klinischen Nutzen und eine klare Differenzierung.» Im Zentrum stehen komplexe Gefässinterventionen. Der OPN-Super-Hochdruckballon beispielsweise kann verkalkte Herzkranzgefässe erweitern und die Platzierung von Stents optimieren. Neue Märkte und Produkte sollen also das Wachstum tragen.
Für M’hamed Bouhlal, CEO der Appenzeller Kontaktlinsen AG in Speicher, führt der Weg ebenso über massgeschneiderte Lösungen. «Unser Wachstum liegt klar in der Individualisierung.» Mit Freeform-Technologie werden Linsenoberflächen mathematisch definiert und an die jeweilige Hornhaut angepasst. Potenzial sieht er etwa bei unregelmässigen Hornhäuten und nach Operationen. Bouhlals Ziel: bessere Sehqualität und weniger Anpassversuche.
«Medizinische Probleme, die wir lösen wollen, verschwinden nicht.»
Wenn Zulassung Innovation ausbremst
Kraft beschreibt das aktuell grösste Hindernis so: «Das Problem ist heute weniger die einzelne Anforderung als die zunehmende Komplexität des Gesamtsystems.» Innovation müsse durch ein regulatorisches, klinisches und kommerzielles Umfeld gebracht und zugleich die Lieferkette abgesichert werden. SIS Medical investiere deshalb neben Produkten auch in klinische Nachweise, Ausbildung und stabile Lieferpartnerschaften.
Bouhlal betont zwar den Sicherheitsauftrag, kritisiert aber Doppelspurigkeiten. Bei den vielen individuellen Linsengeometrien sei die regulatorische Abbildung besonders aufwendig. Sein Gegenmittel ist Digitalisierung: Die erforderlichen Daten sollen bereits in Entwicklung und Produktion entstehen. «Das Prinzip muss lauten: einmal sauber prüfen, einmal sauber validieren und die Daten danach mehrfach nutzen.»
Wie viel Kraft auf dem Weg zum Markt verloren geht, schildert Bosshard drastisch: «Die MDR hat uns in der Entwicklung rund vier Jahre gekostet.» Gemeint ist die europäische Medizinprodukteverordnung. Seine besten Leute seien «in Zulassungsakten gebunden gewesen statt in neuen Geräten». Er fordert ein verlässliches Verhältnis zur EU und die gegenseitige Anerkennung von Medizinprodukten. Zusätzliche Register und Abgaben lehnt der Oertli-CEO ab.
Der Standort lebt von seinen Verbindungen
Und wie sieht es mit den vielbeschworenen Fachkräften aus? M’hamed Bouhlal findet nicht immer jene Spezialisten, die er benötigt. Sie müssten Software und Optik oder Produktion und Regulierung gemeinsam verstehen. «Viel Wissen wird deshalb intern aufgebaut.» Die Ostschweizer Mischung aus Präzisionsfertigung, Maschinenbau und Ausbildung passe aber eigentlich sehr gut; nur für den Weg zur Anwendung brauche es engere Verbindungen: «Ein Laborprototyp ist eben noch lange kein marktfähiges Medizinprodukt.»
Sein Bekenntnis zur Ostschweiz hat Oertli mit dem Neubau in Berneck abgegeben. Thomas Bosshard schätzt Berufslehre, Zulieferer und kurze Wege. Fachkräfte findet er meist, Engpässe bestehen bei Software, Regulierung und OP-Applikationsspezialisten. Beim Forschungstransfer fehlen ihm Spitäler, die Zeit und Daten einbringen: «Klinische Evidenz entscheidet über Vergütung und Beschaffung, und sie entsteht im Operationssaal.»
Thomas Kraft schätzt «eine sehr gute Kombination aus Engineering und industrieller Umsetzung» an der Ostschweiz. SIS Medical hat in den letzten zwei Jahren die Entwicklung ausgebaut und ist auf zusätzliche Produktionskapazitäten am Standort vorbereitet. Auch die Personalgewinnung gelingt. Als Beispiel für den Forschungstransfer nennt der SIS-CEO das Medtech Lab der OST, das technische und klinische Partner verbindet.
«Medtech kann Gesundheitsversorgung günstiger machen.»
Digitale Werkzeuge mit konkretem Nutzen
Bei Oertli ist KI bereits im Alltag angekommen. Laut Bosshard wurden schon in den Pilotphasen in über 180 dokumentierten Anwendungen Hunderte Arbeitsstunden eingespart. Ein KI-Agent prüft etwa Dokumente des Qualitätssystems. Auch die Entwicklung nutzt die Werkzeuge. Für ein Hochlohnland sieht der Oertli-CEO hier besondere Chancen, warnt aber vor neuen Hürden: «Der EU AI Act darf nicht zur zweiten MDR werden.»
SIS Medical hat erste interne Prozesse digitalisiert und automatisiert; weitere KI-Anwendungen werden geprüft. Kraft sieht Potenzial bei wiederkehrenden Verwaltungsaufgaben, allerdings «eingebettet in alle Anforderungen und Richtlinien». Voraussetzung seien strukturierte Daten, sichere IT und befähigte Mitarbeiter. Im klinischen Umfeld helfe KI-gestützte Bildgebung den Anwendern, Gefässe für den Einsatz der SIS-Produkte genauer zu beurteilen.
Bei Appenzeller Kontaktlinsen gehört Software zum Produkt; das Unternehmen entwickelt eigene Berechnungsverfahren. Als nächsten Schritt nennt Bouhlal die Übernahme von Messdaten aus Diagnosesystemen, aus denen automatisch ein Linsendesign vorgeschlagen werden soll. KI könnte Erfahrungen früherer Anpassungen nutzbar machen. Seine Bedingung: «Entscheidungen müssen nachvollziehbar, validierbar und reproduzierbar bleiben.»
Was eine Behandlung wirklich kostet
Kraft plädiert für einen Perspektivwechsel, «weg vom reinen Produktanschaffungspreis hin zu den Gesamtkosten einer Behandlung». Seine Lösungen sollen effektive Eingriffe mit einfachen Abläufen ermöglichen, ohne zusätzliche Energie oder Personalressourcen. In Beschaffung und Vergütung würden solche Vorteile zu selten berücksichtigt. «Den klinischen und wirtschaftlichen Nutzen weisen wir ja immer durch Studien nach.»
Bouhlal illustriert den Gedanken mit einer individuell berechneten Linse: Passe sie schneller, könnten zusätzliche Konsultationen, Neuanfertigungen und Messungen entfallen. «Medtech kann Gesundheitsversorgung günstiger machen, wenn sie Prozesse verbessert – nicht nur wenn das einzelne Produkt billig ist.» Den späteren wirtschaftlichen Nutzen müssten Hersteller allerdings noch besser mit Daten belegen.
Für eine bezahlbare Versorgung setzt Bosshard auf Produktivität: Kürzere Operationszeiten und weniger Komplikationen schafften Nutzen. Mit einem Oertli-Gerät etwa seien acht Kataraktoperationen pro Stunde möglich; in der Vergütung werde dies kaum gewürdigt. «Ob ein Gerät eine Nachoperation vermeidet, spielt keine Rolle, und die Hersteller sitzen nicht am Tariftisch.» Folgerichtig fordert der Oertli-CEO Mitsprache bei der Weiterentwicklung der Tarife.
«Die Branche ist gesund, der Standort nicht mehr ganz.»
Ambitionen mit Ostschweizer Fundament
Bouhlal will Appenzeller Kontaktlinsen stärker als Technologieunternehmen positionieren. Sein Ziel ist eine digitale Kette von der Vermessung über Berechnung und Simulation bis zur Fertigung und Qualitätskontrolle. Die Kernkompetenz soll in der Ostschweiz bleiben. Dafür brauche es raschen Zugang zu Spezialisten und Forschungspartnern. «Unsere Chance liegt darin, komplexere Produkte besser zu entwickeln als andere.»
Für die nächsten fünf Jahre hat auch Bosshard ein klares Ziel: Die neue Geräteplattform soll in drei Klassen am Markt sein, entwickelt und gebaut in Berneck. Statt heute zwei sollen jährlich vier Millionen Menschen mit Oertli-Produkten ihr Augenlicht erhalten. Vom Kanton erwartet er Tempo: «Eine Verwaltung, die in Wochen statt Monaten antwortet, ist für das Rheintal mehr wert als jedes Förderprogramm.»
Kraft möchte Technologien entwickeln, die weltweit einen konkreten Unterschied für Patienten und Ärzte machen; Frauenfeld soll für Innovation und Fertigungskompetenz stehen. Der SIS-CEO wünscht sich eine engere Vernetzung von Unternehmen, Hochschulen und Kliniken sowie international abgestimmte Regeln. Seine Zuversicht gründet im Bedarf: «Die medizinischen Probleme, die wir lösen wollen, verschwinden nicht.»
Text: Stephan Ziegler
Bild: zVg