Fokus Golden Ager

Loslassen ist Chefsache

Loslassen ist Chefsache
Daniel Hartmann
Lesezeit: 4 Minuten

Viele Unternehmer stehen gegen Ende ihres Berufslebens vor Fragen, die weit über Zahlen, Steuern und Jahresabschlüsse hinausgehen: Wie wird die Nachfolge geregelt? Was geschieht mit dem eigenen Unternehmen? Und wie lassen sich Vermögen, Vorsorge und Verantwortung sinnvoll ordnen? Daniel Hartmann, geschäftsführender Partner der Hartmannpartner Experts AG mit Sitz in Diepoldsau und Buchs, weiss, welche Treuhandbedürfnisse die «Generation Erfahrung» hat, warum frühzeitige Planung entscheidend ist und weshalb eine gute Beratung in dieser Lebensphase besonders viel Fingerspitzengefühl braucht.

Daniel Hartmann, «Golden Ager» klingt nach Freiheit, Erfahrung und neuen Möglichkeiten. Was bedeutet diese Lebensphase aus Sicht eines Treuhänders?
Für Unternehmer ist es an der Zeit, sich ernsthaft mit der Nachfolge zu beschäftigen. Es geht darum, sich konkret und umfassend Gedanken über die eigenen Ziele und Absichten zu machen: Was soll mit dem Unternehmen geschehen? Wie sieht die persönliche Zukunft aus? Und welche Schritte sind nötig, um dorthin zu gelangen? Wenn Unterstützung erforderlich ist, sollte diese frühzeitig beigezogen werden, um einen stimmigen Fahrplan auszuarbeiten.

Welche Fragen begegnen Ihnen in dieser Phase am häufigsten?
Zunächst geht es oft um eine Standortbestimmung: Ist die Vorsorge optimal geregelt? Wurden genügend Rücklagen gebildet? Sind die bestehenden Unternehmensfinanzierungen langfristig tragbar und geregelt? Hinzu kommt die persönliche Frage, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, den nächsten Lebensabschnitt anzugehen. Diese Themen betreffen nicht nur die unternehmerische Person, sondern auch ihr familiäres Umfeld. Es braucht also eine breitere Perspektive als nur Unternehmensnachfolge.

Gerade Patrons haben aber oft Mühe, loszulassen.
Verständlich! Eine unternehmerische Leitfigur hat viel in ihr Unternehmen investiert, nicht nur finanziell, sondern auch persönlich. Sie hat den Betrieb über viele Jahre nach eigenen Vorstellungen entwickelt und ausgebaut. Das Unternehmen hat einen grossen Teil der Lebenszeit beansprucht und ist häufig eng mit der Identität verbunden. Entsprechend stellen sich Fragen wie: Wird die nachfolgende Partei das Unternehmen in meinem Sinn weiterentwickeln? Wird sie dem Betrieb weiterhin Sorge tragen? Sind die Arbeitsplätze gesichert? Und wie wird sich das Unternehmen nach meinem Rückzug entwickeln?

«Private und geschäftliche Vermögensfragen gehören zusammen.»

Gleichzeitig stellen sich eben auch sehr persönliche Fragen.
Genau. Etwa: Was mache ich nach dieser Zeit? Wie strukturiere ich meinen Alltag? Und womit fülle ich meine Tage künftig sinnvoll aus? Eine Nachfolgeregelung betrifft deshalb immer auch das persönliche Leben nach der Übergabe.

Wann ist der richtige Zeitpunkt, um die Nachfolge ernsthaft zu planen?
Das hängt von den Anforderungen und der Komplexität des Unternehmens ab. Grundsätzlich ist es immer sinnvoll, sich möglichst früh Gedanken darüber zu machen. Neben der eigentlichen Übergabe müssen auch steuerliche Aspekte und erbrechtliche Vorkehrungen detailliert geprüft und entsprechende Konzepte ausgearbeitet werden. Je früher dieser Prozess beginnt, desto mehr Zeit und Handlungsmöglichkeiten stehen zur Verfügung. Manche Massnahmen lassen sich nicht kurzfristig umsetzen. Wer früh plant, kann unterschiedliche Varianten prüfen und muss keine weitreichenden Entscheidungen unter Zeitdruck treffen.

Und was sind die häufigsten Fehler bei der Nachfolgeplanung?
Einer besteht darin, sich zu früh und zu starr auf eine einzige Lösung zu fokussieren. Eine Nachfolge ist ein dynamischer Prozess; oft ist die endgültige Lösung nicht jene, die zu Beginn angedacht wurde. Auch die Faktoren Zeit und Emotion werden häufig unterschätzt: Es ist nicht sinnvoll, eine Nachfolgelösung unter Zeitdruck erarbeiten zu müssen. Neben den fachlichen und finanziellen Kriterien muss am Ende auch das Bauchgefühl stimmen. Der bisherige Inhaber muss sich mit der gewählten Lösung identifizieren können.

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Nicht immer gibt es aber innerhalb der Familie eine geeignete oder interessierte Nachfolge.
Immer seltener, das stimmt. Neben einer familieninternen Lösung gibt es verschiedene Alternativen: Bei einem Management-Buy-out übernimmt das bestehende Management das Unternehmen. Bei einem Management-Buy-in hingegen erfolgt die Übernahme durch ein externes Management, und eine weitere Möglichkeit ist ein Employee-Buy-out, bei dem Angestellte den Betrieb übernehmen. Welche Variante geeignet ist, hängt von der Ausgangslage, den verfügbaren Personen, der Finanzierung und den Zielen der bisherigen Inhaber ab. Auch hier sollte nicht vorschnell ein Modell festgelegt werden.

Welche Rolle spielt der Treuhänder in dieser Phase: Ist er Zahlenlieferant, Sparringpartner, Koordinator oder Vermittler?
Wir nehmen hier zentrale Rollen ein, Sie haben die wichtigsten genannt. Treuhänder begleiten Unternehmen und deren Inhabende oder Familien oft über viele Jahre. Dadurch sind wir nicht nur externe Fachleute, sondern vielfach auch wichtige Vertrauenspersonen. Wir verstehen das Unternehmen, seine Entwicklung und seine finanzielle Situation und werden mit den wesentlichen Gegebenheiten vertraut. Deshalb können wir Zusammenhänge früh erkennen, unterschiedliche Beteiligte zusammenbringen und den gesamten Prozess begleiten.

Viele «Golden Ager» verfügen über Vermögen, Immobilien, Beteiligungen oder Firmenanteile. Gleichzeitig greifen Steuern, Vorsorge, AHV, Pensionskasse, Erbrecht und Ehegüterrecht ineinander. Wie gelingt daraus eine tragfähige Gesamtplanung?
Es ist zentral, private und geschäftliche Vermögensfragen gemeinsam zu betrachten, denn das eine hängt direkt mit dem anderen zusammen. Es braucht eine umfassende Analyse und ein Gesamtkonzept, das die verschiedenen finanziellen, steuerlichen, vorsorgerechtlichen und erbrechtlichen Aspekte aufeinander abstimmt. Auch hier spielt der Faktor Zeit eine zentrale Rolle: Gewisse Umstrukturierungen oder Vermögensumschichtungen können nicht auf einmal vorgenommen werden. Sie müssen geplant und schrittweise umgesetzt werden. Nur so lässt sich am Ende eine optimale Regelung erreichen.

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Digitalisierung und künstliche Intelligenz spielen wohl eher keine Rolle in der Treuhandberatung für diese Generation?
Doch. Die Digitalisierung schafft Effizienz und kann zu einer erheblichen Kostenreduktion beitragen. Auch KI-Agenten können sinnvoll eingesetzt werden, etwa für die Automatisierung von Verarbeitungsprozessen oder für erste Analysen. Neue Technologien unterstützen unsere Arbeit. Wenn es aber darum geht, nachhaltige und individuell passende Lösungen auszuarbeiten, bleiben Erfahrung und Fachwissen entscheidend. Gerade bei der Nachfolge- und Lebensplanung ist der persönliche Kontakt, das notwendige Fingerspitzengefühl nicht ersetzbar.

Wenn Sie Unternehmern ab 55 einen einzigen Rat geben müssten: Welcher wäre das?
Sie sollten dafür sorgen, dass das Unternehmen nicht von ihnen als Inhaber abhängig ist! Ein Betrieb muss problemlos weiterbestehen können, auch wenn der bisherige Patron oder die Gründerin sich zurückzieht. Diese Unabhängigkeit soll rechtzeitig aufgebaut und transparent geregelt werden. Sie ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Nachfolge.

Text: Stephan Ziegler

Bild: Rebekka Grossglauser

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