St.Gallen

Hier fährt Geschichte weiter

Hier fährt Geschichte weiter
Sergio Martello, Vittorio Gargiulo und Christian Fitzi
Lesezeit: 4 Minuten

Die Gargiulo Automobil AG in Mörschwil ist vor allem als Heimat von Maserati St.Gallen bekannt. Weniger geläufig ist ihr zweites Standbein: die Restaurierung klassischer Fahrzeuge. CEO Vittorio Gargiulo, Fahrzeug-Restaurator Christian Fitzi und Automobil-Sattler Sergio Martello sprechen über traditionelles Handwerk, seltenes Wissen und den besonderen Wert automobiler Klassiker.

Vittorio Gargiulo, wie wichtig ist der Old- und Youngtimer-Bereich heute für Sie?
VG: Restaurierungen gehören seit den 1990er-Jahren zu unserer DNA; rund ein Viertel unserer Werkstattkapazität fliesst in diesen Bereich. Drei Spezialisten begleiten jedes Projekt, von der Technik über das Interieur und die internationale Teilebeschaffung bis zum Projektmanagement. Restaurierungen sind kaum planbar, bieten aber grosses Potenzial, weil hochwertige Klassiker zunehmend gefragt sind. Nicht nur als Hobby, sondern auch als Investition. 

Sie sprechen vom Unternehmen «im zweiten Stock des Hauses». Was meinen Sie damit?
VG: Im Erdgeschoss erleben unsere Kunden den Showroom und den Maserati-Service. Im «zweiten Stock» entstehen Restaurierungen fernab des Tagesgeschäfts. Dort arbeiten wir über Monate an einzelnen Fahrzeugen, diskret, konzentriert und mit handwerklicher Präzision. Beide Welten ergänzen sich und bringen Abwechslung in den Alltag.

Eine professionelle Oldtimer-Restaurierung ist mehr als «alte Autos schön machen». Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit man dieses Geschäft seriös, nachhaltig und wirtschaftlich betreiben kann?
VG: An erster Stelle stehen erfahrene und leidenschaftliche Mitarbeiter. Historische Fahrzeuge verlangen traditionelles mechanisches Handwerk, ein Netzwerk aus Carrosseriespenglern und Lackierern sowie Zugang zu seltenen Originalteilen. Mit unserer Automobil-Sattlerei und langjährigen Partnern in ganz Europa können wir nahezu alle Arbeiten in höchster Qualität ausführen.

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«Restaurierungen gehören seit den 1990er-Jahren zu unserer DNA.»

Christian Fitzi, was unterscheidet für Sie als Fahrzeug-Restaurator mit eidg. Fachausweis eine fachgerechte Restaurierung von einer gewöhnlichen Reparatur?
CF: Eine Reparatur behebt einen Defekt, eine Restaurierung erhält Geschichte und Wert. Oft existieren weder Ersatzteile noch Fahrzeughandbücher. Dann sind Erfahrung, historische Werkzeuge und internationale Kontakte gefragt, um originalgetreue Nachbauten herzustellen oder zu beschaffen. Unser Ziel ist es, jedes Fahrzeug authentisch für den Besitzer und die nächsten Generationen zu bewahren.

Wie läuft eine Restaurierung konkret ab?
CF: Am Anfang stehen die technische Analyse und das Erstgespräch. Gemeinsam definieren wir Restaurierungsumfang und Kostenrahmen. Danach wird das Fahrzeug je nach Projekt teilweise oder komplett zerlegt. Teilprojekte können Carrosserie, Mechanik, Elektrik oder Interieur betreffen. Nach der Detailofferte folgen Restaurierung, Testfahrten, Veteranenprüfung und Übergabe – mitunter einer der schönsten Momente eines Projekts.

Sergio Martello, welche Bedeutung haben für Sie als Automobil-Sattler Innenausstattung, Materialien, Nähte, Leder, Stoffe und Details für Authentizität und Wert eines Klassikers?
SM: Eine hochwertige Innenausstattung trägt entscheidend zum Wert eines Oldtimers bei. Unser Anspruch ist es, die Originalität zu bewahren, vom Leder und den Stoffen bis zu Nähten und Oberflächen. Über unser Netzwerk beschaffen wir fast alle Originalmaterialien samt Zertifikaten aus den Herkunftsländern und verarbeiten sie in unserer Sattlerei. Das garantiert Authentizität und Werterhalt. 

Welche Anforderungen stellt dieses Geschäft an das Team? Braucht es heute eher Mechaniker, Historiker, Handwerker oder Netzwerker?
SM: Von allem etwas. Neben handwerklichem Können braucht es Eigeninitiative, Erfahrung und die Bereitschaft, dazuzulernen. Viele Lösungen lassen sich nicht mehr aus Hand- oder Lehrbüchern ableiten, sondern entstehen durch Recherche und jahrzehntelange Erfahrung. Ebenso wichtig sind Beziehungen zu Spezialisten und Sammlern in ganz Europa. Und die haben wir.

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«Eine Reparatur behebt einen Defekt, eine Restaurierung erhält Geschichte und Wert.»

Ersatzteile, Originalunterlagen, seltene Materialien und Spezialwissen müssen oft europaweit gesucht werden. Wie wichtig ist hier «Detektivarbeit»?
CF: Unser Netzwerk ist einer unserer grössten Werte. Viele Originalteile oder technische Informationen findet man weder im Internet noch in Katalogen. Oft stammen sie von ehemaligen Ingenieuren und Werksmitarbeitern, Sammlern oder Partnern in Italien, England und Deutschland. Unsere gewachsenen Beziehungen ermöglichen Restaurierungen, die sonst kaum realisierbar wären.

Auf welche Marken ist Gargiulo spezialisiert?
VG: Unsere Schwerpunkte liegen bei italienischen Klassikern wie Maserati, Ferrari, Lamborghini, Alfa Romeo, Fiat oder Dino sowie bei Aston Martin und Jaguar. Als akkreditierter Maserati-Classiche-Partner haben wir sogar direkten Zugang zum historischen Werksarchiv in Modena und restaurieren nach offiziellen Werksvorgaben. Das schafft Vertrauen und ermöglicht eine Werkszertifizierung, die Originalität und Authentizität bestätigt.

Oldtimer werden als Emotion, Kulturgut und Wertanlage zugleich betrachtet. Welche Fahrzeuge sind besonders gefragt?
VG: Seltene Autos oder Einzelanfertigungen mit nachvollziehbarer Historie und hoher Originalität. Ferrari führt den Markt an, gefolgt von Lamborghini, Maserati, Porsche, Mercedes und Aston Martin. Spitzenpreise erzielen Fahrzeuge, die Geschichte erzählen und kaum mehr verfügbar sind. Seltenheit, Authentizität und Emotion machen ihren besonderen Wert aus. Steigt er zusätzlich, ist das der Jackpot. Dennoch sollte die Leidenschaft immer vor der Rendite stehen, finde ich.

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Gibt es ein Restaurierungsprojekt, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
CF: Jede Restaurierung ist zwar einzigartig. Besonders eindrücklich waren aber etwa Projekte wie ein Ferrari Dino 246 GTS, ein Fiat Dino 2.0 Spider, ein Aston Martin DB2 oder diverse Maserati-Modelle, vom Mexico über den Ghibli 4.7 bis hin zu den Biturbo-Modellen aus den 80er- und 90er-Jahren. Und ganz speziell war die Restaurierung eines Jaguar XK 140: Er kam in einem «sehr gebrauchten» Zustand zu uns und ging fast überrestauriert zurück zum Besitzer. Wirklich jede Schraube wurde von uns restauriert! Der schönste Moment bleibt derselbe: Wenn ein Klassiker nach monatelanger Arbeit wieder auf eigener Achse fährt und seinem Besitzer bei der Übergabe ein Lächeln ins Gesicht zaubert.

Die Gargiulo Automobil AG verbindet also zwei Welten unter einem Dach: Moderne Maserati und historische Klassiker.
VG: Genau. Während bei Maserati St.Gallen Innovation und Fahrdynamik im Mittelpunkt stehen, lebt in der Restaurierungswerkstatt traditionelles Handwerk weiter. Mit jahrzehntelanger Erfahrung, einem internationalen Netzwerk und der Anerkennung als Maserati-Classiche-Partner bewahrt das Team in Mörschwil automobile Technik und ein Stück Kulturgeschichte, Fahrzeug für Fahrzeug. Damit bleiben technisches Wissen und traditionelles Handwerk für lange Zeit erhalten.

Text: Stephan Ziegler

Bild: Rebekka Grossglauser

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