Von der Wiese ins Drogerieregal
20.06.2019

Von der Wiese ins Drogerieregal

Gelber Blütenkopf, gezahnte Blätter, Fallschirmfrüchte: Der Löwenzahn ist allgemein bekannt und in der Schweiz fast allgegenwärtig, auch in den Regalen von Drogerien und Apotheken. Dort in der Form von Löwenzahn-Urtinktur, die als bewährtes Naturheilmittel gilt. Die Hänseler AG in Herisau produziert sie aus Pflanzen, die frisch von der Biowiese kommen.

In vielen Schweizer Drogerien und Apotheken gibt es sie heute noch, diese Regale voller brauner Flaschen, mit denen die lokalen Fachleute individuelle Mischungen zusammenstellen. Pflanzliche Heilmittel wie zu Zeiten unserer Grossmütter und Grossväter – und zum Teil auch noch mit überlieferten Rezepten von damals. Und wenn ein natürliches Mittel gegen Leber-, Gallen- oder Magenbeschwerden verlangt wird, greift die Apothekerin oder der Drogist meist auch zur Flasche mit der Löwenzahn-Urtinktur.

Produktion nur einmal pro Jahr
Diese Flüssigkeit enthält die Wirkstoffe des Löwenzahns in konzentrierter Form und wird aus frischen Pflanzen hergestellt. Das Traditionsunternehmen Hänseler AG im Appenzellerland produziert nur einmal pro Jahr Löwenzahn-Urtinktur, dann aber gleich in grosser Menge. Dieses Jahr brauchte sie 530 kg Löwenzahn mitsamt Wurzeln.

Pflanzen von der Biowiese in Horw
Gerade wer Löwenzahn vom Jäten kennt, weiss nur zu gut, dass die Pusteblume mit ihren Fallschirmfrüchten überall wächst. Doch um die 60 Gemüsekisten zu füllen, welche die Firma Hänseler benötigt, braucht es eine professionelle und vorschriftsgemässe Ernte inklusive Dokumentation. Die Löwenzahnwiesen des Lieferanten in Horw LU sehen aus wie unzählig viele andere im Land, sind aber biozertifiziert.

Wurzel bis Blüte – alles wird verwendet
Die Mitarbeiter stechen mit einer Stechgabel etwa 10 Zentimeter neben den Pflanzen in die Erde, ziehen den Löwenzahn mit der ganzen Wurzel raus und schichten ihre Ernte in eine seitlich aufgestellte Gemüsekiste, bis sie gefüllt ist. Damit die Pflanzen möglichst frisch bleiben, werden sie etwa 10 Zentimeter tief ins Wasser gestellt, wenn nötig abgewaschen und in einem Kühlwagen zwischengelagert. Im gleichen Anhänger werden die Pflanzen dann von Horw nach Herisau transportiert – frühmorgens, weil das Ansetzen der Urtinktur an einem Tag durchgezogen werden muss und mit der Anlieferung ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

Nach dem Schreddern eilt es besonders
Bei der Anlieferung in Herisau werden die Pflanzen gleich draussen auf der Rampe der Firma Hänseler geschreddert. Die Pflanzenteile rutschen von der mobilen Maschine in einen Metalltank, und weil sie nun rasch oxidieren, ist Eile angesagt. Zumal vor dem Ansetzen der Tinktur noch Labortests nötig sind. Zum einen muss das hauseigene Labor die Art und Qualität der Pflanzen prüfen, zum anderen den Wassergehalt der Pflanzen messen. Denn davon hängt ab, wie viel Wasser und wie viel Ethanol später beigemischt wird.

96-prozentiger Alkohol direkt ab Hahn
Sobald das Laborergebnis da ist – der Wassergehalt liegt bei knapp 80 Prozent – startet die Produktion nach den Vorschriften des Homöopathischen Arzneibuchs. Dazu kommt der erste von zwei Tanks voller Löwenzahnteile auf eine Waage. Es sind 266 kg. Gemäss Rezept kommen nun 18 kg Wasser und 398 kg Ethanol dazu, 96-prozentiger Alkohol direkt ab Hahn. Ein Mitarbeiter benetzt die Pflanzenteile mit Ethanol, das aus dem Schlauch fliesst und gleich seinen Zweck erfüllt: Es löst die Wirkstoffe aus den Löwenzahnteilen. Dieser Prozess, die Mazeration, dauert nun mindestens zehn Tage lang.

Immer wieder ins Labor
Während der Standzeit wird die angesetzte Tinktur täglich von Hand umgeschöpft und wenn nötig mit zusätzlichem Ethanol aufgegossen, damit alle Pflanzenteile benetzt sind. Zeigen weitere Labortests, dass das Maximum an Wirkstoffen herausgelöst ist, werden die Pflanzenteile abgesiebt und ausgepresst. Die Löwenzahn-Urtinktur ist fertig und bereit zum Abfüllen. 680 Liter sind es aus den 530 kg frischer Löwenzahn geworden. Die Standardverpackung sind die braunen 500-ml-Flaschen, die von Hänseler selbst oder via Grosshändler in die Drogerien und Apotheken geliefert werden. Und dort stehen sie nun im Gestell bereit für individuelle Mischungen nach teils sehr alten Rezepten.

Tinkturen von Hänseler
Zu den über 500 Produkten, welche die Hänseler AG in Herisau (AR) herstellt, gehören verschiedene Tinkturen und Urtinkturen. Einige davon werden wie die Löwenzahn-Urtinktur aus Frischpflanzen produziert, andere aus getrockneten Pflanzen.

Die Hänseler AG …
… mit Sitz in Herisau ist ein Produktions- und Handelsunternehmen der Pharmabranche. Die drei Standbeine des 1964 gegründeten und eigenständigen Unternehmens sind der Handel und die Weiterverarbeitung von Rohstoffen, die Herstellung und der Vertrieb von Eigen- und Handelsmarken sowie die Produktion und die Konfektionierung im Auftrag von Partnerunternehmen. Zum Produktportfolio gehören die Marken Alcacyl, Gly-Coramin, OLBAS sowie Original Bach-Blüten/RESCUE. Hänseler beschäftigt 135 Mitarbeiter.