Ostschweiz

«In Pfandländern wird viel mehr gelittert als in der Schweiz»

«In Pfandländern wird viel mehr gelittert als in der Schweiz»
Rainer Bunge ist Professor am UMTEC Institut für Umwelt- und Verfahrenstechnik an der OST – Ostschweizer Fachhochschule.
Lesezeit: 2 Minuten

Um die Umwelt vor Littering zu schützen und die Recyclingquote zu erhöhen, führt Österreich im Jahr 2025 ein Pfandsystem ein. Auch in der Schweiz wird ein solches Modell immer wieder diskutiert. Rainer Bunge ist Professor am UMTEC Institut für Umwelt- und Verfahrenstechnik an der OST – Ostschweizer Fachhochschule.

Im Interview spricht er darüber, welchen Aufwand ein Pfandsystem mit sich ziehen würde, wie die Schweiz bezüglich Littering und Recycling im Vergleich zu den Nachbarländern dasteht und warum der Reifenabrieb im Strassenverkehr ein grösseres Umweltproblem darstellt als gelitterte PET-Flaschen.

Text: pd

Rainer Bunge, würde die Einführung eines Pfandsystems in der Schweiz Sinn machen?

Wir haben in der Schweiz kein Umweltproblem, das durch ein Pfandsystem gelöst würde. Unsere auf Freiwilligkeit beruhenden Recyclingsysteme sind in der Bevölkerung sehr gut akzeptiert und sie erreichen Recyclingquoten, die vergleichbar sind mit jenen in den Pfandländern. Wir kommen also zu etwa gleich guten Ergebnissen wie die Pfandländer, dies aber auf sehr viel kostengünstigere Weise.

Man müsste ein aufwändiges Rücknahmesystem mit einer Vergütung für die abgegebenen Gebinde installieren, was absurd teuer wäre. Darüber hinaus wäre es notwendig, das System streng zu überwachen, um Pfandbetrug auszuschliessen.

Hilft die Einführung eines Pfandsystems bei der Reduzierung von Littering?
Hilft die Einführung eines Pfandsystems bei der Reduzierung von Littering?

Aber könnte ein Pfand eventuell zu einem bewussteren Konsumverhalten führen?

Ich kann in den Pfandländern, zum Beispiel in Deutschland, überhaupt kein bewussteres Konsumverhalten erkennen als bei uns. Das Pfand würde – die Mehrkosten mal ausser Acht gelassen – sogar zusätzliche Probleme schaffen. Wie wollen wir etwa mit der Bepfandung von Weinflaschen umgehen, die in Spanien abgefüllt wurden? Oder mit Bierdosen aus Dänemark? Sollen diese Leergebinde dann quer durch Europa zurücktransportiert werden?

Littering ist auch in der Schweiz immer wieder ein Thema. Könnte man dieses Problem mit einem Pfandsystem nicht besser in den Griff bekommen?

Das klappt offenkundig nicht. In den Pfandländern wird viel mehr gelittert als in der Schweiz. Die am häufigsten gelitterten Objekte sind übrigens Zigarettenkippen – sollen diese nun auch bepfandet werden?

Wie problematisch ist aus umwelttechnischer Sicht eine gelitterte PET-Flasche?

PET-Flaschen zersetzen sich im Laufe der Zeit zu Mikroplastik, was nicht gut ist, aber auch nicht katastrophal. Ein sehr viel grösserer Anteil an Mikroplastik wird durch den Reifenabrieb im Strassenverkehr in die Natur eingetragen. Dieses Mikroplastik ist nicht nur durch die vergleichsweise riesige Menge, sondern auch durch seine Zusammensetzung sehr viel gefährlicher als Mikroplastik aus PET.

Und was ist mit den Dosen, die auf der Wiese liegen und dann bei Kühen im Magen landen?

Es sind in der Tat einige wenige Fälle bekannt, in denen Weidevieh möglicherweise gelitterte Dosen mit dem Futter aufgenommen und daran Schaden genommen hat. Wegen dieser sehr seltenen Fälle jedoch ein gesamtes Pfandsystem aufzubauen, erscheint mir eine Überreaktion. Harte Strafen für derartiges Littering wären wirksamer und praktikabler.

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Wie lautet Ihr Fazit?

Wir sollten stolz auf unsere ausserordentlich erfolgreichen freiwilligen Sammelsysteme sein. Wir sammeln nicht, weil wir dazu gezwungen werden, sondern weil wir anständig sind. Die Einführung eines Pfandsystems wäre eine völlig unnötige Intervention, die den Staat von seinen rechtschaffenden Bürgerinnen und Bürgern entfremden würde.

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