Herbert Klopfer hört auf
30.10.2018

Herbert Klopfer hört auf

In seiner Werkstatt an der Kirchgasse 14 in St.Gallen betätigt sich Herbert Klopfer nicht nur als Rahmenvergolder, auch Eigenkreationen schmücken seinen Verkaufsraum. Nach vier Jahrzehnten Vergolderei und Restaurierungen schliesst Klopfer aus Altergründen Ende Jahr sein Atelier. Thomas Veser hat ihn besucht.

Rot, grün und blau schimmert der üppige Blumenschmuck, der den Spiegel in Hochformat völlig einrahmt. Die hölzernen Pflanzen scheinen sich den Spiegelrändern geradezu anzuschmiegen. Ganz nach dem Geschmack der Rokokozeit (1730-1780) hatte der zeitgenössische Holzschnitzer sein elegant und verspielt wirkendes Kunstwerk asymmetrisch gestaltet. Die Farben hat der St.Galler Vergolder Herbert Klopfer angebracht. Heute schmückt das Meisterwerk seinen Verkaufsraum mit Werkstatt an der Kirchgasse.

Klopfer betreibt dort seit 1979 einen Kunsthandel, restauriert Kunstwerke und vergoldet Rahmen. Das schlohweisse Haar zu einem kreativen Ponytail gebündelt, betrachtet der Kunsthandwerker die gemeinsame Schöpfung nachdenklich. „Gut hundert Stunden habe alleine ich für die Farbgebung benötigt“, schätzt er, auch für den Holzschnitzer war die Verfertigung des filigranen Meisterwerks mit grossem Zeitaufwand verbunden. Der Verkaufspreis von 3900 Franken hält sich dafür in Grenzen.

Leidenschaft sei die treibende Kraft bei diesem Werk gewesen, erinnert sich Herbert Klopfer, der auch als Künstler ein goldenes Händchen besitzt. Er mag die abstrakte Kunst. Deshalb hat er ein mit dem Kürzel Heklo (Herbert Klopfer) versehenes Bild aus geometrischen Formen in verschiedenen Goldtönen geschaffen und als Kontrast einen historischen Rahmen im Barockstil gewählt.

An den Verkaufsraum schliesst sich Klopfers Atelier an. „Der Vergolderberuf ist ursprünglich aus dem Malerhandwerk hervorgegangen“, stellt er fest. In Zürich aufgewachsen, habe er schon als Schüler gerne gezeichnet und modelliert. „Das Kunsthandwerk hat mich von Anfang an fasziniert.“ Dass der Vater einen Kunsthandel betrieb und Einrahmungen verfertigte, habe ihm die Berufswahl erleichtert. An der Zürcher Kunstgewerbeschule liess er zum Vergolder schulen.

Herbert Klopfer steht vor seinem Arbeitstisch, an dem Rahmen zunächst grundiert und nach dem Trocknen sorgsam mit hauchdünnen Blattgoldfolien von 22 Karat überzogen werden. Aus einem CD-Player ertönt dezente Barockmusik, die hervorragend zu den auf Restaurierung wartenden Kunstobjekten in seinem Atelier passt. Während sich seine Frau Jutta um die Administration kümmert, bewältigt Klopfer heute alle Arbeiten selbst, bis vor einigen Jahren hatte er noch eine Vergolderin zur Seite.

Als junger Mann absolvierte auch er seine Lehr- und Wanderjahre, war bis Ende der 1960er Jahre in Genf und Paris tätig und auch in etlichen Gotteshäusern in der Schweiz, etwa in Engelberg, Pfäfers, Appenzell und im Dom der Gallusstadt, als Vergolder von Rahmen, Statuen, Orgeln und dergleichen mehr sowie als Restaurator von Kunstwerken wie Altären oder Bildern. „Ein aufreibendes Leben“, berichtet er. Man sei ständig mit dem Koffer auf Achse und müsse sich an ein Leben in Hotelzimmern gewöhnen. Amüsante Erlebnisse kommen ihm dabei in den Sinn: In Engelberg habe ihn die Arbeit so in den Bann gezogen, dass er glatt den Feierabend verschwitzt habe. Als Nachbarn spätnachts in der Kapelle immer noch Licht brennen sahen, hätten sie Diebe am Werk vermutet und die Polizei alarmiert. Herbert Klopfer konnte alles erklären und „die sichtlich interessierten Polizisten sogar in mein Metier einführen“, meint er schmunzelnd. Auch Schrecksekunden habe er erlebt, als er in einer Kirche Vergoldungsarbeiten ausführte und Handwerker ohne Vorwarnung einen Belüfter in seiner Nähe einschalteten: „Das wertvolle Blattgold ist einfach weggeflattert.“

Anschaulich zeigt er die einzelnen Arbeitsschritte auf. Für neue Rahmen nimmt man mit unterschiedlichen Rohprofilen versehene Stangen aus nordamerikanischem Weymouth-Holz. Es ist besonders dauerhaft und lässt sich leicht verarbeiten. Die zugeschnittenen Teile erhalten zunächst einen Aufstrich aus Hasenleim und verschiedenen Kreidearten, die er in Form von Granulat bezieht. Manchmal muss er die Substanz fünf bis siebenmal warm auftragen, bis der Rahmen endlich vergoldet werden kann. „Es ist unbedingt darauf zu achten, dass bei diesen Vorgängen Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit genau stimmen“, fügt er hinzu.

Denn erst wenn die Grundierung nach dem Abschleifen und einer weiteren Reinigung mit einer Wasser-Alkohol-Lösung perfekt ist, haftet Blattgold auf dem Rahmen. Mit dem Anschusspinsel aus Dachshaaren nimmt er die Blattgoldfolien und trägt sie vorsichtig auf. Dann glättet Herbert Klopfer die frischen Goldschichten mithilfe eines Poliersteins aus Achat. Je nach Auftragslage verarbeitet er pro Monat bis zu 1000 Blatt. Goldschläger können sie so dünn machen, dass sie zusammen nur zehn Gramm auf die Waage bringen. Um einen 50 mal 70 Zentimeter grossen Rahmen in allen Arbeitsschritten fertigzustellen, benötigt Klopfer im Schnitt drei Tage.

Ab dem neuen Jahr wird der 80-Jährige zu Hause eine kleine Werkstatt weiterführen; Nachfolger gibt es an der Kirchgasse 14 keinen. Das gesamte Inventar wird bis Ende Dezember zu stark reduzierten Preisen angeboten. Weitere Informationen unter Telefon 079 303 08 85.