12.01.2018

Fund des Monats: Seltene Schafe

Aus dem in der Steinzeit unter anderem in Pfahlbausiedlungen verbreiteten Torfschaf gingen auch das Alpine Steinschaf und das Bündner Oberländer Schaf. Beide Rassen überleben heute in winzigen Nischen.

Feingliedrig, klein bis mittelgross, leicht hängende Ohren, schneckenartige Hörner, langer Schwanz, Wolle in allen Farben und Zeichnungen: So lässt sich das alpine Steinschaf beschreiben. Diese einst im ganzen Ostalpenraum verbreitete Schafrasse ist ebenso gefährdet wie das Bündner Oberländer Schaf, das auf eine Neuzüchtung verschiedener Graubündner Schafschläge zurückgeht. Sie waren in Vrin, im Medels, Somvitg und Tavetsch in unterschiedlicher Ausprägung gezüchtet worden, aber bis auf wenige, für eine überlebensfähige Zucht nicht mehr ausreichende Tiere ausgestorben. Auf dieser schmalen genetischen Basis wurde seit 1984 das Bündner Oberländer Schaf zusammengefasst und neu gezüchtet.

Ahnenreihe bis in die Steinzeit
Beiden Schafrassen gemeinsam ist eine jahrtausendealte Geschichte. Ihre Ursprünge reichen bis zum Torfschaf zurück, von dem sich Reste in den alpinen Pfahlbausiedlungen fanden. Und beide Schafrassen zeichnen sich durch ihre Vitalität, hohe Fruchtbarkeit und Eignung auch für raues Klima aus. Das Alpine Steinschaf war noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den alpinen Gebieten Bayerns, in Salzburg, Oberösterreich im nördlichen, südlichen und östlichen Tirol und in geringen Beständen in Kärnten verbreitet. Verwandt, aber genetisch eindeutig distanziert sind das Montafoner, Krainer und Tiroler Steinschaf. Schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte man mit Einkreuzungen von Bergamasker und in geringerer Zahl Paduaner Schafen begonnen, um eine einheitliche Wolle zu erreichen. Später kamen unter anderem englische Hampshire Schafe dazu, die dann im schwarzköpfigen Fleischschaf aufgingen.

Schon Ende der 1930er-Jahre war das alpine Steinschaf in Deutschland nur noch in wenigen Nischen erhalten. In Österreich hielt es sich noch bis in die 1960er-Jahre, bis die letzten noch zahlreich vorhandenen Bestände aufgekauft und geschlachtet wurden. Steinschafwidder durften nicht mehr auf die Gemeinschaftsalpen geführt werden. In den 1990er-Jahren gelang es, mit gezielten Aufkäufen von Restbeständen, in Deutschland eine neue Zucht aufzubauen. Seit 1999 wird das alpine Steinschaf auch in Österreich wieder planmässig gezüchtet.

2004 kam es zur Gründung der Arbeitsgemeinschaft der alpinen Steinschafzüchter, die sich seither auch stark für die Vermarktung der Wolle engagiert. 2012 erhielt ein Laptop-Set aus dem Filz von Steinschafen den Arca Deli Award der Save Foundation. Daneben reicht die Produktepalette von Pullovern über Strickwesten bis zu Socken und modischen Filzprodukten. Insgesamt eignet sich das Alpine Steinschaf zur Dreifachzucht Milch, Wolle und Fleisch. Trotz aller Bemühungen ist der Fortbestand der alpinen Steinschafe nicht gesichert: Mit einem Bestand von knapp 500 Tieren in 50 Zuchtbetrieben mangelt es zwar nicht am Engagement, aber insbesondere an ausreichend Weideflächen.

Als «Schaf für Individualisten» wird das Bündner Oberländer Schaf vom «Verein zur Erhaltung des Bündner Oberländer Schafes» gepriesen. Dies vor allem, weil die vielfältige Erscheinung in verschiedenen Farbschlägen auch individuellen Zuchtwünschen entgegenkommt. Mit knapp 350 im Herdebuch eingetragenen Zuchttieren und 54 Haltern sind die Bestände vergleichbar mit jenen des Alpinen Steinschafes.

Mitmachen erwünscht
Mehr zu alten Apfel- und Obstsorten, Gemüse, Tierrassen, Kulturtechniken und Brauchtum auf www.fundus-agricultura.wiki, der Online-Datenbank für das traditionelle Wissen im Alpenraum. Dieses oft nur lokal verbreitete und mündlich überlieferte Kulturgut gerät mehr und mehr in Vergessenheit. Fachkundige Laien sind herzlich zum Mitmachen eingeladen. Anmeldung und Anleitung auf www.fundus-agricultura.wiki.

Text: Urs Fitze