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Der Erfolg am Markt ist wichtiger als schöne Preise

Der Erfolg am Markt ist wichtiger als schöne Preise
CEO Iman Nahvi und CPTO Theo Schilter
Lesezeit: 5 Minuten

Schon kurz nach der Gründung räumte das junge Start-up Advertima einen Preis nach dem anderen ab. Erfolge, die CEO und Mitgründer Iman Nahvi heute relativiert: Die wichtigste Jury für den Unternehmer ist der Markt.

Als Advertima 2016 in St.Gallen gegründet wurde, erregte das Start-up mit seiner Technologie sofort Aufmerksamkeit. Während bei vielen anderen Tech-Start-ups das Geheimnis eher abstrakt und nur für Insider verständlich ist, war das komplexe Know-how von Advertima zumindest im Ergebnis einfach zu erkennen: Im St.Galler Startfeld konnten Besucher live auf Bildschirmen mitverfolgen, wie die Technologie im Hintergrund bei Passanten das Geschlecht und das mutmassliche Alter eruierte. Ziel war es von Anfang an, im stationären Handel Passanten zielgruppenspezifische Inhalte auf Bildschirmen zu präsentieren – ohne die Menschen zu identifizieren. Damals wie heute wurden und werden Kunden komplett anonymisiert in Zielgruppen segmentiert, eine eigentliche Personalisierung findet bewusst nicht statt.

Die Aufmerksamkeit führte zu vielen Auftritten an Wirtschaftsanlässen – und zu Auszeichnungen. «Am Anfang freut man sich als Start-up natürlich enorm über einen Preis. Es ist oft die erste externe Bestätigung, dass das, woran man arbeitet, wahrgenommen und als relevant eingeschätzt wird», erinnert sich Iman Nahvi, Mitgründer und CEO der Advertima AG und der späteren Advertima Vision AG. «Diese Art von Validierung fühlt sich sehr stark an, weil sie von erfahrenen Experten kommt.»

Tatsächlich zeigten sich im Jahr nach der Gründung viele Experten begeistert von dem jungen Unternehmen. Allein 2017 gewann Advertima den Coolest Startup Award vom World Web Forum, die Swisscom Start-up-Challenge und den Swiss ICT Newcomer Award. Zudem war Advertima Finalist beim Startfeld Diamant und beim Digital Marketing Innovation World Cup.

Rückblickend relativiert Iman Nahvi diese Erfolge im Rampenlicht. «Ein Preis bedeutet noch nicht, dass eine Innovation wirklich entstanden ist. Eine Innovation existiert erst dann, wenn eine Idee tatsächlich im Markt umgesetzt wird und dort angenommen wird. Preise zeigen, dass Menschen das Potenzial erkennen, aber sie ersetzen keine echte Marktnachfrage.»

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Nicht mehr um Preise bemüht

Diese Erkenntnis führte dazu, dass sich für die Führung von Advertima mit der Zeit die Prioritäten verschoben. «Am Anfang sind Auszeichnungen motivierend, später steht klar der Markt im Mittelpunkt.» Deshalb hat das junge Unternehmen aufgehört, aktiv Preise anzustreben, wie Iman Nahvi sagt: «Echte Innovation wird nicht durch Jurys bestätigt, sondern durch Nutzung, Nachfrage und Geschäftserfolg.» Heute würde sich der Gründer nicht mehr in diesem Umfang um Preise bemühen, «aber das erkennt man natürlich erst im Nachhinein.»

Einem jungen Start-up würde er dennoch dazu raten, sich um Preise zu bemühen, «es schadet sicher nicht, sich für sie zu bewerben. Vor allem der Bewerbungsprozess selbst ist wertvoll. Man ist gezwungen, das eigene Narrativ zu schärfen, den Mehrwert klar zu formulieren und zu üben, wie man pitcht.» Wichtig sei aber, das Ganze nicht zu überbewerten. «Als Übung und zur Standortbestimmung ist es sinnvoll. Als Beweis für Markterfolg aber nicht.»

Für Advertima hätten die vielen Auszeichnungen aus heutiger Sicht keinen direkten, messbaren Effekt. «Sie haben sicherlich Aufmerksamkeit erzeugt und gerade bei Inves-toren Interesse geweckt. Aber wenn tatsächlich Investments oder Kunden entstanden sind, hatte das meistens andere Gründe.»

Der Markt entscheide nicht aufgrund von Awards, hat Iman Nahvi festgestellt. «Entscheidend sind ein gutes Produkt, belastbare Technologie, echter Mehrwert und letztlich ein klarer Return on Investment. Kunden prüfen, ob ihre konkrete Problemstellung gelöst wird und ob sich eine der Value Propositions für sie real validiert.»

«Preise zeigen, dass Menschen das Potenzial erkennen, aber sie ersetzen keine echte Marktnachfrage.»

Ganzes Team dabei

In der Geschichte von Advertima haben die verschiedenen Preise dennoch einen gewissen Stellenwert. «In Erinnerung geblieben ist mir besonders der Gewinn des Swiss ICT Award», sagt Iman Nahvi. «Damals konnten wir uns gegen deutlich grössere und etablierte Unternehmen durchsetzen, etwa gegen Bexio, das heute sehr bekannt ist. Das war ein Moment, der uns gezeigt hat, dass wir technologisch auf Augenhöhe mit grossen Playern wahrgenommen werden.»

Wie im Sport löst auch in der Wirtschaft ein Heimsieg besondere Emotionen aus, das war auch bei Advertima so, wie Iman Nahvi erzählt: «Der aus meiner Sicht schönste Preis war der Leader Digital Award. Den haben wir in St.Gallen gewonnen, also zu Hause, und das ganze Team war vor Ort. Dadurch hatte dieser Moment eine ganz andere emotionale Bedeutung – weniger wegen der Aussenwirkung, sondern wegen des gemeinsamen Erlebnisses.»

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2019 gewann Advertima den Leader Digital Award in der Kategorie Start-ups.
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Das eigene Narrativ schärfen

«Der Bewerbungsprozess selbst hat durchaus einen Wert», sagt Iman Nahvi. «Sich immer wieder strukturiert mit der eigenen Technologie auseinanderzusetzen und zu überlegen, wie man ihren Mehrwert erklärt, hilft enorm im Produktmarketing. Dieser iterative Prozess zwingt einen, die eigene Story klarer zu formulieren.»

Der Austausch mit den Jurys habe keinen direkten Nutzen. «Das wertvolle Feedback kam immer von Partnern, Kunden und vom realen Einsatz im Markt.» Erst dort zeige sich, ob etwas funktioniere oder nicht. «Unsere Technologie, unser Produkt und auch unser Geschäftsmodell sind sehr komplex, weil wir im Grunde einen neuen globalen Standard aufbauen», hält Iman Nahvi fest. «Entsprechend hat selten jemand in einer Jury das wirklich vollständig verstanden. Ich kann mich daher nicht erinnern, dass uns Jury-Feedback substanziell weitergebracht hätte.»

Vorreiter für KI-basierte Personalisierung

Obwohl Advertima erfolgreich grosse Finanzierungsrunden gestalten und Partnerschaften mit Branchengrössen wie Migros und Spar eingehen konnte, kam es 2021 zu einem Wendepunkt in der Unternehmensgeschichte: Die Advertima AG wurde liquidiert und als Advertima Vision AG neu gegründet. Inzwischen fokussiert sich das Unternehmen auf die Retail-Media-Technologie, die zwischenzeitlich ebenfalls be-arbeiteten Smart-Store-Konzepte werden nicht mehr weiterverfolgt. Heute gilt Advertima als einer der Vorreiter für KI-basierte Personalisierung im stationären Handel in Europa. 2025 kam die Technologie bereits in über 1000 Geschäften zum Einsatz; Advertima hat Grössen wie Walmart, Carrefour, Tesco oder Edeka als Kunden gewonnen. «Wir sind globaler Marktführer, mit unserer Technologie haben wir einen komplett neuen Standard gesetzt», sagt Iman Nahvi.

Heute bewirbt sich die neugegründete, stark wachsende Advertima Vision AG durchaus auch wieder um Preise, «aber nur gezielt und ausschliesslich innerhalb unseres Verticals, also im Bereich In-Store Retail Media». Dabei gehe es nicht mehr um allgemeine Start-up- oder Technologie-Awards, sondern um branchenspezifische Auszeichnungen. «Der Zweck ist klar: Awareness bei unseren Ideal Customer Profiles zu schaffen. Wenn Entscheider aus genau unserer Industrie solche Preise sehen, verstehen sie schneller, in welchem Kontext unsere Lösung relevant ist.» Der Wunsch, sich an solchen Preisen zu beteiligen, kam aus dem Team, «darum haben wir das bewusst als Teil unserer Marketing- und Go-to-Market-Strategie aufgenommen. Preise sind also kein Validierungsinstrument mehr, sondern ein Kommunikationsinstrument.»

Text: Philipp Landmark

Bild: Rebekka Grossglauser, zVg

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