«Mit Modellen können selbst Fachleute dazulernen»

«Mit Modellen können selbst Fachleute dazulernen»
Lesezeit: 2 Minuten

Ein partizipativer Modellierungsprozess für die Kreislaufwirtschaft: Mit seiner Dissertation will Daniel Kliem, Wirtschaftsingenieur an der OST – Ostschweizer Fachhochschule, Grundlagen für das Recycling von Baustoffen über die Kantonsgrenze hinweg schaffen.

Wer in der urbanen Schweiz ein Haus baut, geht meist wie folgt vor: Altes Haus abreissen, Rückbau-Material deponieren und neue Materialien wie Kies auf die Baustelle transportieren. «Für Recycling fehlen die Anreize. Von einer stabilen Kreislaufwirtschaft ist diese Branche noch weit entfernt», hält Daniel Kliem (Bild) fest.

Zu viele Ressourcen und begrenzte Deponien

Aktuell werde viel mehr Kies verbraucht als nötig. Zudem sei die Kapazität der Deponien begrenzt: «Unter anderem im Thurgau gibt es Deponien, die dieses Jahr an ihre Grenzen stossen, obwohl sie bis ins Jahr 2040 reichen sollten.» Die Frage nach einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft stellen sich auch andere Kantone: Basel-Landschaft debattiert aktuell über eine Einführung einer Deponiegebühr, und der Kanton Aargau arbeitet an einer Revision der Ressourcenversorgungskonzepte.

Die Lösung scheint einfach zu sein: Um Anreize für Recycling zu geben, muss das Abbauen von Kies und Deponieren von Abbruch und Aushub teurer werden. Lokal entstehe der Eindruck, dass es gut funktioniere, die Lösung sei damit aber nicht gefunden: «Das Problem verschiebt sich dann in andere Regionen: Rückbau-Material und Aushub würden dann in andere Kantone transportiert und neues Material würde dann von weiter weg hergefahren.»

Mit Modellen Systemdynamiken erklären

Für das vierjährige Projekt haben sich Experten aus der Wissenschaft, Behörden und Industrie zusammengeschlossen. «Wir haben ein Modell entwickelt, das die Systemdynamik erklärt: Wir haben damit ein umfassendes Problemverständnis geschaffen und sind an neue Themen und Diskussionspunkte gelangt. Dank dem partizipativen Modellierungsprozess haben wir trotz der komplexen Dynamiken, umsetzbare Handlungsfelder identifizieren können: Wir brauchen eine Lösung auf funktionaler Ebene, die ganze Einzugsgebiete über die Kantonsgrenzen hinweg berücksichtigt.» Die Prozesse und raumplanerischen Massnahmen müssten neu definiert und bauintensive Kantone wie Zürich einbezogen werden. Der Kantönligeist sei im politischen Prozess hinderlich: Die Verantwortung für die Raumplanung liegt bei den Kantonen, die Besteuerung von Ressourcen müsste aber national geregelt werden, um Mehrtransporten als zusätzliches Problem vorzubeugen. So könnten die Regelungen zwischen Regionen mit nicht-nachhaltigem Ressourcenbedarf und ihren Nachbarregionen, die noch über ausreichend Ressourcen verfügen, koordiniert werden.

«Die Erkenntnis, dass selbst Experten mit Modellen dazulernen, neue Perspektiven und Inputs gewinnen, war spannend», schliesst Daniel Kliem. «Mithilfe der Modellierung schärft sich der Fokus, wir untersuchen gesellschaftliche Entwicklungen für lokale Experimente. Unsere Modelle schaffen eine Entscheidungsgrundlage: Die naheliegende Massnahme, den Preis für Kies zu erhöhen, ist zwar gut und funktioniert. Wenn aber die Einzugsgebiete miteinbezogen werden, dient die Kooperation zwischen Kantonen als Schlüssel um Mehrtransporten vorzubeugen.»

Mit dem Institut für Umwelttechnik, Institut für Bau und Umwelt sowie dem Institut für Modellbildung und Simulation sind drei Institute der OST beteiligt. Weitere Partner sind die Universität St.Gallen, das AWEL in Zürich, die Energie und Ressourcenmanagement GmbH sowie die University of Bergen.