«Landwirte sollten als Unternehmer agieren können»
19.06.2019

«Landwirte sollten als Unternehmer agieren können»

Die AgriCircle AG aus Rapperswil-Jona ist in der digitalen Modellierung, der Aufbereitung von Daten sowie der Entwicklung von Entscheidungshilfen für die Landwirtschaft tätig. Gründer Peter Fröhlich erklärt, welche Rolle Computer und Satelliten bei seiner Arbeit spielen und wie solch moderne Hilfsmittel in einer doch eher traditionellen Berufsgattung ankommen. Ein Text aus der aktuellen LEADER-Ausgabe von Manuela Bruhin.

Peter Fröhlich, Sie wuchsen auf einem Bauernbetrieb auf. Weshalb entschieden Sie sich gegen den Beruf des «traditionellen» Landwirts und statt dessen für die Gründung eines Start-ups?
Das ist kein Entscheid für oder gegen. Unser Start-up ist eng mit dem Landwirtschaftsbetrieb verbunden. Dies nicht direkt über Beteiligungen oder die Rechtsform, aber dennoch über Wissen und Anwendungen. Da ich die Flächen sehr gut kenne und auch hin und wieder selbst darauf arbeite, dienen uns die Felder des Bauernbetriebs als Testflächen sowie als erste Möglichkeit zur Validierung von Resultaten. Dies kreiert dann wiederum ein Nebeneinkommen auf dem Landwirtschaftsbetrieb. Die beiden Unternehmen profitieren also voneinander und laufen parallel nebeneinander. Das eine würde ohne das andere nicht existieren, und die aktuelle Situation ist ein wichtiger strategischer Vorteil für AgriCircle – und umgekehrt.

Mithilfe von Daten eines Tablets und Computers soll der optimale Zeitpunkt für Einkauf, Saat oder Produktion herausgefunden werden. Sogar Satellitenbilder kommen dafür zum Einsatz. Das tönt in der Theorie sehr spannend. Wie betriebsnah ist Ihre Arbeit?
Die Arbeit ist in der Praxis sehr interdisziplinär. Ich spreche am gleichen Tag mit Spezialisten von der ESA (Europäische Raumfahrtsbehörde) und mit Spezialisten bei mir im Team, appliziere selbst Produkte mit dem Traktor auf meinen Flächen Zuhause und sitze am Nachmittag im Flieger zu einer internationalen Destination für ein Treffen mit einem Key Account. Das funktioniert auch nur im Team und dank der Mithilfe meiner Partnerin und meiner gesamten Familie. Das gesamte Wissen ist dann auch das, was meinen Job ausmacht.

Der Spagat zwischen praktischer Landwirtschaft und Hightech ist also riesig …
… und auch genau der Teil, welcher die Arbeit so enorm spannend macht. Wir können durch die Satellitendaten sehr gut sehen, was auf einem Feld passiert und verstehen dies durch die praktischen Arbeiten um ein Mehrfaches besser. So können wir mit den frei verfügbaren Daten erkennen, was auf einem Feld passiert und wie optimal die Arbeiten ausgeführt worden sind. Mit diesen Informationen entwickeln wir dann Services, welche die einzelnen Feldaktivitäten verbessern und den Maschinen direkt mitteilen, wo diese wieviel ausbringen sollen. So können wir zusammen mit den Landwirten laufend optimieren und besser werden.

Stöbert man auf Ihrer Homepage, wird immer wieder von Nachhaltigkeit geschrieben. Was bedeutet das in der Landwirtschaft? Gerade auch Dünger- und Pflanzenschutzmittel stehen in der Kritik.
Nachhaltigkeit ist unsere Mission. Wir wollen möglichst hohe Erträge mit möglichst wenig Dünger- und Pflanzenschutzmitteln erreichen. Es ist aber klar unser Ziel, die Erträge zu halten oder zu steigern. Ertragssenkungen sind nach unserem Wissen 1:1 verknüpft mit der Abholzung von Regenwald und dem Verlust an Habitaten, was wir so nicht akzeptieren können. Entsprechend müssen Erträge zwingend weiter gesteigert werden und dürfen auf keinen Fall sinken. Eine Extensivierung der Landwirtschaft, wie von vielen Parteien gefordert, ist Gift für unser Klima und somit inakzeptabel. Entsprechend arbeiten wir an Services, welche die Landwirte nachhaltiger machen und die Erträge steigern oder mindestens über die Jahre stabilisieren. Wir stehen weiter auch für nachhaltige Datenhaltung im Sinne der Bauern und bestehen darauf, dass der Landwirt nicht noch stärker zum Handlanger seiner Lieferanten und Abnehmer wird. Wir pochen darum darauf, dass nicht die gleichen Unternehmen die Daten der Landwirte auf ihren Servern haben wie diejenigen, welche sie beliefern oder die Produkte ankaufen. Sieht man von diesen Anbietern ab, sind wir bereits jetzt eine der wenigen, wenn nicht die einzige Alternative für Bauern in Europa.

Wie gelangen Sie an diese Daten?
Wir sammeln Daten und leiten von und mit diesen Optimierungen ab. Die benötigen Daten kommen von öffentlichen Quellen wie auch von Landwirten, welche uns diese für Entwicklungen zur Verfügung stellen. Wir stehen aber für eine klare Datenhaltung und Datenbesitz durch den Bauern. Wir sind zusammen mit dem Fraunhofer Institut die Hauptinitianten des grossen EU-H2020-Projekt mit dem Ziel, eine digitale, integrative Datenplattform für die europäische Landwirtschaft zu schaffen. Am Projekt sind alle relevanten Maschinenhersteller, Forschungsinstitutionen, weitere Privatunternehmen und Landwirte direkt beteiligt. Wir werden mit diesem Projekt unsere Plattform im Sinne der Bauern umstrukturieren und wollen mit diesem neuen Ansatz in Zusammenarbeit mit der Nahrungsmittelindustrie Lösungen anbieten, um den heute beschädigten Link zwischen Landwirt und Konsument über die Digitalisierung wiederherzustellen. Das ist unserer Meinung nach eine grosse Chance für die Schweizer Landwirtschaft und die Landwirtschaft insgesamt.

Das klingt nach grossen Herausforderungen.
So divers mein Arbeitsalltag aussieht, so divers sind auch die Herausforderungen auf allen Ebenen. Mein Fokus ist die Unternehmensentwicklung sowie die Einbindung und Kombination von Wissenschaft und Praxis für die Erstellung von genauen und für Landwirte brauchbaren Services für die Optimierung von Feldarbeiten, um möglichst nachhaltig und effizient zu produzieren.

Wissenschaft, Optimierung, Service – das tönt alles sehr zeitnah. Wie modern ist denn die heutige Landwirtschaft, beziehungsweise sollte sie sein? Gerade bei «alteingesessenen» Berufsleuten dürfte es schwierig werden, mit technischen Daten und Vorgehensweisen anzukommen?
Die Landwirtschaft ist eine traditionelle Branche. Diese Tradition macht vollkommen Sinn: Landwirte bewahren in vielen Teilen unsere Traditionen und unsere Kultur. Kultur ist das, was uns ausmacht und uns auch eine Identität gibt. Dazu gibt es viele Bereiche, wo wir Neues einfach ausprobieren können. Geht die Produktion eines neuen Mobile-Phone schief, ist nicht viel passiert. Geht aber die Nahrungsmittelproduktion in einem Jahr komplett schief, haben wir ein gravierendes Problem. Insofern ist es eine gewisse Selbsthygiene, in der Landwirtschaft an funktionierenden Dingen festzuhalten.

Auf der anderen Seite hat sich die Landwirtschaft immer und laufend stark gewandelt.
Klar, ein Landwirt ernährt heute 155 Personen. Vor hundert Jahren waren es noch vier. Die Landwirtschaft wird sich weiter wandeln, und die Digitalisierung ist ein ähnlich grosser Schritt wie die Umstellung von der Arbeit mit dem Pferd zu modernen Maschinen und Traktoren. Auf jeden Fall hat die Landwirtschaft spannende Zeiten vor sich. Es gilt nun, für die Branche die Weichen richtigzustellen, sodass Landwirt auch in Zukunft ein wichtiger Beruf ist. Bauern sollten in unserer Gesellschaft wieder an Gewicht gewinnen und vermehrt als unabhängige Unternehmer agieren können. Dabei sind die neuen Lösungen und deren Gestaltungen entscheidende Faktoren.

2015 wurden Sie mit dem Jungunternehmerpreis ausgezeichnet. Welche künftigen Ziele verfolgt Ihre Firma?
Wir wollen Landwirte stärken und den Link zum Konsumenten über die Digitalisierung wiederherstellen und verbessern. Dazu müssen wir das Potenzial der Digitalisierung voll ausschöpfen und weiterentwickeln. Alle unsere Projekte müssen mit dieser Mission in Einklang stehen.

Sie haben erklärt, dass Sie in Sachen Wachstumszahlen und Unternehmergrösse zurückhaltend kommunizieren. Gibt es dennoch Zahlen, welche Sie erläutern können?
Nein. Wir sind stark am Wachsen und haben täglich Freude, an unserer Mission zu arbeiten. Das ist, wofür wir stehen: ein starkes digitales Produkt für eine starke Landwirtschaft und eine unabhängige Nahrungsmittelproduktion.

Interview: Manuela Bruhin
Bild: Marlies Thurnheer