Internationaler Erfolg mit Naturprodukt
17.06.2019

Internationaler Erfolg mit Naturprodukt

Die Holzwolle, ein hochwertiges, aus Laub- und Nadelhölzern gewonnenes Naturprodukt, findet immer mehr Anhänger. Die Toggenburger Firma Lindner exportiert aktuell in 20 Länder, Tendenz steigend, berichtet unser Gastautor Adi Lippuner.

Das Vorurteil, dass Holzwolle sozusagen am Ende der Produktionskette steht und damit als minderwertig betrachtet werden darf, ist schon längst überholt. Der Besuch in den Produktionsräumen der Firma Lindner Suisse GmbH in Wattwil zeigt, Holzwolle wird aus geschälten und auf die für die Maschinen passenden Längen zugeschnittenen Laub- und Nadelholzstämmen gewonnen. Geschäftsführer Thomas Wildberger bezeichnet sich scherzhaft als «letzten Mohikaner» in diesem Bereich, verhehlt aber nicht, dass sich sein Unternehmen auf der Erfolgsspur befindet.

«Unsere Holzwolle, je nach Verwendungszweck eine Mischung aus mehreren Hölzern, wird in verschiedenen Bereichen verwendet. In bäuerlichen Kreisen ist besonders die Holzwolle zur Reinigung der Euter bekannt. Aber auch die bäuerlichen Produzenten greifen für die Präsentation und Lagerung ihrer Produkte aus den Hofläden vermehrt auf unser Angebot Speedline Food zurück. Dies ist eine Holzwolle, die für den Kontakt mit Lebensmitteln geeignet ist», so Thomas Wildberger. Es liege auf der Hand, dass natürlich hergestellte Produkte auch entsprechend präsentiert würden. Ein weiteres Standbein hat sich das Unternehmen mit der Herstellung von Mulchschutz-Vlies und natürlichen Vegetations-Faschinen als Einsatz bei Renaturierung oder Wassererosion geschaffen.

Einst belächelt, heute gefragt
Noch vor einigen Jahren mussten Thomas Wildberger und sein Team ständig erklären, wozu Holzwolle gut sein kann. Dank dem vermehrt nachhaltigen Denken und dem steigenden Bewusstsein, dass nachwachsendes Material aus nächster Nähe gefragt ist, produziert die Firma Lindner nicht nur für den einheimischen Markt, sondern auch für den Export. Der aktuell vorherrschende Zeitgeist sei bei der Vermarktung sicher hilfreich, es brauche aber täglich vollen Einsatz.

«Das Schöne daran ist, dass die Nachfrage meist über Empfehlungen zustande kommt», freut sich der Geschäftsführer. Das steigende Interesse aus ganz verschiedenen Ländern bedeute aber auch, vor Ort präsent zu sein und den Menschen zu erklären, wie Holzwolle angewendet werde. Auch der neue Bereich «Erosionsschutz aus Schweizer Holz» verlange nach umfassender Beratung und Kontakt zu entsprechenden Fachleuten.

Aus der Nähe
Der grosse Holzvorrat neben der Produktionshalle und die bereits auf die richtigen Längen zugeschnittenen Stücke in der Nähe der Schneidmaschinen stammen aus Wäldern der umliegenden Kantone. «Unsere Devise lautet, das Holz so nahe wie nur möglich einzukaufen. Nebst dem Kanton St.Gallen sind dies Thurgau, Schaffhausen, Zürich und Nordbünden», so Thomas Wildberger. Es handle sich dabei nicht um Kahlschläge, wie fälschlicherweise oft angenommen werde.

«Wir kaufen Durchforstungsholz, also einzelne Bäume, die aus Waldstücken entfernt werden. Zudem legen wir Wert darauf, dass es sich um Winterschläge handelt. Die Baumstämme werden auf das Firmenareal geliefert und dann kommen Landwirte mit forstlichem Wissen und entsprechender Ausbildung zum Zug. Wir haben freie Mitarbeiter, die in der Zwischensaison bei uns das Holz schälen, sägen und abdecken. Anschliessend werden die Stücke 18 Monate gelagert.»

Allrounder im Einsatz
Die Produktionsmitarbeiter sind so ausgebildet, dass jeder an jedem Arbeitsplatz eingesetzt werden kann. Beim Eintritt in den Raum, in dem die Holzwolle hergestellt wird, fällt der betörende Duft nach frisch geschnittenem Holz auf. Die Raumluft ist mit Gerüchen nach Harz und ätherischen Ölen gesättigt. «Genau diese Eigenschaften machen die Holzwolle zum unverwechselbaren Naturprodukt. Richtig gemischt – bei der Euterwolle geht es um Reinigen, Stimulieren und Desinfizieren – ist unser Produkt unschlagbar», ist Thomas Wildberger überzeugt.

Die steigende Nachfrage, inzwischen aus 20 Ländern, stimmt den Geschäftsführer zuversichtlich. «Der Wunsch, Chemie und Plastik zu vermeiden, spricht für unser Produkt.» Allerdings hing die Weiterführung des 1920 gegründeten Unternehmens an einem seidenen Faden, wie ein Blick in die Firmengeschichte zeigt. Doch Thomas Wildberger glaubte schon bei seiner Einstellung als Geschäftsführer im Jahr 1996 fest an den Erfolg. Im Jahr 2014 übernahm er die Firma und arbeitet mit seinem inzwischen zwölfköpfigen Team und einer fast gleich grossen Zahl freier Mitarbeiter kontinuierlich am Erfolg der Holzwolle.

Was ist Holzwolle?
Gemäss Schweizer Standard, Version vom 1. Juni 2011, ist Holzwolle ein hochwertiger, naturbelassener Werkstoff in Form von gleichmässigen, feinen und bis zu 500 Millimeter langen, elastischen, losen, holzsplitterfreien und quasi staubfreien Holzwollefäden. Diese werden aus entrindeten und bis auf 13 Prozent Holzfeuchte luftgetrockneten Baumstämmen der höchsten Qualitätsklasse (nach HSH, FSC und PEFC zertifiziert), hergestellt. Eingesetzt wird die Holzwolle als Füll-, Stopf-, Polster-, Dämm-, Isolations- und Filtermaterial in unzähligen Branchen für anspruchsvolle Problemlösungen und Produkte, aber auch in der Hygiene sowie für die Verpackung empfindlicher Produkte und Lebensmittel.

Zur Produktion von Holzwolle werden bei den Nadelhölzern Fichten, Waldkiefern und Lärchen, bei den Laubhölzern Buche, Esche und Pappel verwendet. Als Qualität kommt Rundholz der Klassen B und C gemäss «Schweizer Handelsgebräuche für Rundholz» zum Einsatz. Es darf kein Restholzanteil eingesetzt werden.

In der Serie «Blick in die Fabrik» besucht der «St.Galler Bauer» in loser Folge Fabriken, die mit landwirtschaftlichen Produkten zu tun haben, und zeigt, was hinter der Fassade mit diesen Produkten geschieht. http://www.bauern-sg.ch/stgaller-bauer/die-fachzeitschrift/