«Innovativ und offen für Neues bleiben»
24.05.2019

«Innovativ und offen für Neues bleiben»

Der Ostschweizer Unternehmer und Nationalrat Marcel Dobler spricht am Unternehmertag am 2. Juli in Vaduz über seine unternehmerische Passion. Dobler hat während der Berufslehre den ersten Onlineshop programmiert und sein Unternehmen Digitec erfolgreich verkauft.

Bevor das riesige Potenzial der Technologie im Alltag sichtbar wurde, haben Sie zur IT gefunden. Wie kam es dazu?
Marcel Dobler: Ich habe Jahrgang 1980, gehöre zur Generation Y und bin mit dem Computer aufgewachsen. Meine Freizeit habe ich damals mit Freunden gamend verbracht. Damals war das mit viel Konfigurationsarbeit am Computer verbunden und man musste sogar noch selbst programmieren. Während meiner Ausbildung kam mir die Idee, mein Hobby zum Beruf zu machen, und so haben wir Digitec gegründet. Bereits während meiner Lehre habe ich den ersten Onlineshop für Digitec programmiert. Da­mit haben wir einen ersten wichtigen unternehmerischen Meilenstein gesetzt, denn 2001 hat noch fast niemand etwas online bestellt. Wir hatten somit einen Vorsprung, und unser Antrieb war immer, besser zu sein als die anderen.

Sie waren Mitgründer von Digitec im Jahr 2001 und 13 Jahre dessen CEO. Wie sind Sie damals mit der Rolle des Chefs zurechtgekommen?
In diesen Jahren habe ich durch das starke Wachstum sehr viel gelernt, denn es gab einen ständigen Wandel: Gestartet haben wir mit einem Angestellten; zum Zeitpunkt des Verkaufs waren es über 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und wir machten 500 Millionen Umsatz. Zu Beginn habe ich von HR-Aufgaben bis zum Bedienen der Kunden überall mit angepackt. Ich habe sogar alle Vorstellungsgespräche selbst geführt. Dann kam die Dezentralisierung mit neuen Filialen und einem Zentrallager, was von mir eine andere Organisation und Rolle verlangte. Es gab Jahre, da sind wir bis zu 100 Prozent gewachsen. Das bedingt schnelle Anpassung und schier endloses Engagement. Es heisst zudem auch, dass man selber mitwachsen und sich entwickeln muss. Wir begannen relativ unstrukturiert und wurden durch die Erfahrungen und Optimierungen immer besser. Heute würde ich die Planung des Wachstums anders handhaben. Wir haben diverse Fehler gemacht, weil uns Erfahrungswerte fehlten. Diese Fehler machten uns aber zu dem, was Digitec heute ist.

Wie war es für Sie, Dinge, die Sie im Unternehmen früher selbst erledigt haben, zu delegieren?
Meine Stärke ist, dass ich in mehre­ren Gebieten Fachkenntnisse habe, die Firma in- und auswendig kenne und die Zusammenhänge verstehe. Ich habe einen Vorwärtsdrang. Das ist das, was mich als Unternehmer ausmacht. Ich delegiere gerne, denn es ist immer eine Win-win-Situation. Wenn jemand etwas besser kann – und das erwarte ich in den verschiedenen Unternehmensbereichen – dann gebe ich gerne ab. So habe ich Zeit, mich um das Vorankommen des Unternehmens zu kümmern. Ich bin überzeugt, dass Geschäftsführer immer Kompetenzen abtreten müssen, um erfolgreich zu sein. Vertrauen zu schenken, ist zentral für den Erfolg einer Firma.

Als prominenter Anschieber sind Sie vier Jahre unter anderem im Weltcup Bob gefahren. Hatten Sie keine Mühe damit, nicht am Steuer zu sitzen?
Ich wäre tatsächlich unheimlich gerne Pilot gewesen! Aber man munkelt, dass das Steuern beim Bob überbewertet wird (lacht). Nein, im Ernst, es fehlt mir schlicht die Zeit dafür. Ich hätte viel dafür investieren müssen und war in diesem Moment bereits Unternehmer, Nationalrat und Familienvater. Zeit ist leider ein rares Gut und man kann nicht alles machen; vielleicht im nächsten Leben. Nun wende ich mich aber zuerst meinem neuen Hobby zu und schwinge mich auf den Velosattel. Nach meiner Bobkarriere muss ich mich etwas redimensionieren (lacht).

In der Politik müssen Sie sich in ein Kollektiv einfügen. Ausserdem dürfte in Bern nur selten Start-up-Feeling aufkommen. Was reizt Sie an der parlamentarischen Arbeit?
Nach dem Verkauf von Digitec hatte ich ein zweijähriges Konkurrenzverbot. Eine Option war die Politik, und da es im Parlament unbedingt Unternehmer braucht, bin ich also aus Idealismus Nationalrat geworden. Denn ich will das Erfolgsmodell Schweiz erhalten. Und ja, in Bern herrscht tatsächlich kein Start-up-Feeling. Ich musste leider in Bern lernen, sehr geduldig zu sein. Trotzdem treibt mich die Aussicht an, die Schweiz zu verbessern. Und es ist toll zu sehen, dass man tatsächlich etwas verändern kann. Seien dies erfolgreiche Vorstösse, die spannende Arbeit in der Kommission oder Projekte in diversen Verbänden. Natürlich müssen nicht alle im Nationalrat sitzen, aber jeder muss seinen Beitrag leisten. So bin ich beispielsweise allen Bürgern dankbar, die mir Inputs für den Bürokratieabbau melden – Anregungen sind bei mir immer willkommen.

Welche Themen liegen Ihnen als Politiker besonders am Herzen?
Kurz gesagt: Eine starke Wirtschaft, die Sicherheit der Schweiz und die Digi­talisierung liegen mir besonders am Herzen. Hier biete ich einen klaren Mehrwert für die Schweiz. So habe ich beispielsweise als Präsident von ICTswitzerland die Cyber-Security-Kommission ins Leben gerufen, welche ich vorantreibe, und ich habe mich mit di­versen erfolgreichen Vorstössen für die analoge und digitale Sicherheit der Schweiz eingesetzt. In diesem Bereich gibt es einen dringenden Handlungsbedarf in Bern. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern, in denen der Staat die Digitalisierung vorantreibt, sind es in der Schweiz die Firmen, die Impulse setzen. Das bedingt, dass man den Firmen den benötigten Freiraum gibt wie bei der Arbeitszeitregelung oder den Aufenthaltsbewilligungen für ausgebildete Spezialisten. Wir brauchen Rahmenbedingungen, die Innovation zulassen und Unternehmer befähigen, mutig und eigenverantwortlich voranzuschreiten.

Wo sehen Sie noch Handlungsbedarf auf politischer Ebene?
Ich setze mich für neue Arbeitsmodelle und neue Businessmodelle ein sowie für das für die schweizerische Wirtschaft unerlässliche duale Bildungssystem. Zudem will ich der Schweiz eine Fitnesskur verpassen! Das viele «Staatsfett» in Form von Bevormundung der Bürger, Einschränkung ihrer Freiheiten, haufenweise unnötiger Gesetze, immer mehr Steuern und Gebühren muss weg. Ich will einen «schlanken Staat» – das bedeutet, dass das Staatswachstum gestoppt werden muss. Ich habe zum Thema Effizienzsteigerung und Bürokratieabbau mehrere Vorstösse eingereicht und werde mich weiterhin dafür engagieren.

Was hat Sie als Mitbegründer des grössten Schweizer Onlinehändlers dazu bewogen, mit Franz Carl Weber ausgerechnet ein Unternehmen im kriselnden Detailhandel zu kaufen?
Der Kauf von Franz Carl Weber war eine Herzensangelegenheit. Ich bin ein FCW-Kind. Ich kann mich gut erinnern, wie mich der Weihnachtskatalog und die Besuche bei Franz Carl Weber als Kind berührt haben. FCW ist fast wie ein Wahrzeichen der Schweiz. Würde es FCW nicht mehr geben, wäre das ein grosser Verlust, welcher mir persönlich sehr weh tun würde. Deshalb wollte und will ich FCW retten. Es ist eine grosse Herausforderung und eine andere Branche, aber inhaltlich doch sehr nah am Know-how, das ich von Digitec mitbringe. Es liegt viel Arbeit vor uns. Das Ziel ist ganz klar die Trendwende. Wenn wir es schaffen, empfinde ich dies fast wie ein Ritterschlag.

Wo wird Franz Carl Weber in fünf Jahren erfolgreicher sein, online oder offline?
Wir müssen überall erfolgreicher sein: Es gilt, den Umsatz in den Filialen genauso wie online zu steigern. Auch intern müssen wir uns verbessern. Wir müssen effizienter werden und wir müssen auch vieles digitalisieren. Da liegt das Potenzial. Es gibt vieles, das wir in Angriff nehmen müssen: So wird beispielsweise im kommenden Monat ein neues Zentrallager in Betrieb genommen, das künftig die Filialen beliefert. Dies ermöglicht den Zugriff auf die gesamten Bestände der Firma. Das bedeutet auch, dass das richtige Produkt zur richtigen Zeit in den Filialen ist und somit eine verbesserte Dienstleistung für den Kunden. Wir bauen auch unsere Marketingaktivitäten aus: Neu haben wir einen Osterkatalog eingeführt. Weiter wird das Sortiment vergrössert, denn wir wollen auch an unseren Stärken weiterarbeiten.

Wie wird eine Franz-Carl-Weber-Filiale in fünf Jahren aussehen?
Es tönt simpel: Wir müssen den Kundenbedürfnissen gerecht werden. Wir bieten bereits heute viele Dienstleistungen an, die andere nicht bieten. Das Geschäft läuft aber über Emotionen. Da müssen wir ansetzen und daran arbeiten, dass wir mehr Erlebnisse schaffen können. Das Ziel sind ganz viele glänzende Kinderaugen in den Läden.

Was würden Sie Führungskräften sagen, die Digitalisierung für eine Sache der IT-Abteilung halten?
Es ist so: Wenn man einen schlechten Prozess digitalisiert, hat man danach einen schlechten digitalen Prozess. Digitalisierung ist immer eine Abwägung zwischen Kosten und Nutzen. Nicht alles muss digitalisiert werden. Es gibt auch Risiken, die beachtet werden müssen. Wenn man einfach den Auftrag zum Digitalisieren gibt, dann ist möglicherweise der Nutzen gar nicht gewährleistet. Es braucht von oben jemand, der prüft, ob Vorteile gegeben sind. Digitalisierung muss sich lohnen, sie ist kein Selbstzweck!

Was zeichnet eine Führungskraft im digitalen Zeitalter aus?
Sie ist innovativ und offen für Neues. Sie ist aber auch kritisch gegenüber Innovationen. Man muss Freude und Leidenschaft mitbringen und interessiert sein. Der Antrieb, ständig zu optimieren, muss vorhanden sein. Denn es kann nicht sein, dass man sich auf dem Status quo ausruht. Man hat nur einen Vorsprung, solange man nicht stehen bleibt. Die Führungskraft im digitalen Zeitalter hat eine gute Übersicht und entwickelt sich selber immer weiter. Zudem ist es zentral, gute Leute unter sich zu haben. Das Know-how muss bei den Mitarbeitern am richtigen Ort sein oder man muss es sich von extern holen. Der grösste Wert einer Firma sind die Mitarbeiter.

Interview: Stefan Lenherr

Marcel Dobler 
ist Unternehmer und Politiker. Dobler gründete 2001 mit zwei Kollegen den Online-Elektroshop Digitec und lehrte damit innert kürzester Zeit andere Branchengrössen das Fürchten. 2012 verkauften die Gründer einen Grossteil ihrer Anteile an die Migros. Anstatt auf der faulen Haut zu liegen, entschloss sich der gelernte Informatiker, in die Politik einzusteigen, und sitzt seit 2015 im Nationalrat. Ende 2018 übernahm er gemeinsam mit weiteren Investoren die Spielwarenkette Franz Carl Weber.

Marcel Dobler ist Keynote-Speaker am Unternehmertag am 2. Juli 2019 in Vaduz. Neben Dobler referieren unter anderem Liechtensteins Wirtschaftsminister Daniel Risch, Leadership-Professorin Heike Bruch und Genetikforscher Markus Hengstschläger. Auf dem Podium diskutieren Marc Desrayaud (Oerlikon Balzers), Reto Gurtner (Weisse Arena) und Mirjam Hummel-Ortner (Weirather-Wenzel & Partner) über ihren Führungsstil im digitalen Zeitalter. Informationen unter www.unternehmertag.li