30.08.2018

Erfolgsrezepte für den Tourismus

Über 160 Ostschweizer Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft trafen sich zur zweiten EcoOst-Arena im Autobau Romanshorn, um über Erfolgsrezepte für den Ostschweizer Tourismus zu diskutieren. Dieser spielt wirtschaftlich gesehen zwar eine untergeordnete Rolle, verfügt aber über einiges Potenzial. Die Referenten waren unterschiedlicher Meinung, wie dieses geweckt werden kann.

Die Bilder des Events finden Sie hier.

In der Ostschweiz befinden sich diverse attraktive Tourismusdestinationen wie die Regionen St.Gallen, Bodensee, Appenzell Innerrhoden, Appenzell Ausserrhoden, Toggenburg, Thurgau oder das Heidiland mit den Flumserbergen. Trotzdem hat der Tourismus in der Ostschweiz eine vergleichsweise kleine volkswirtschaftliche Bedeutung, wie Kurt Weigelt, Direktor der IHK St.Gallen-Appenzell, zu Beginn der Veranstaltung aufzeigte. So liegt die Bruttowertschöpfung des Tourismus gesamtschweizerisch bei 2,7 %, in der Ostschweiz lediglich bei 1,6 %. Mit 2,5 % liegt der Beschäftigungsanteil auch weit unter dem Schweizer Wert von 4,3 %. Hinzu kommt, dass 50 % der Beschäftigen Ausländer sind – doppelt so viele wie in der Gesamtwirtschaft.

Stadt gewinnt, Land verliert
Bei den Übernachtungszahlen ist das Bild durchwachsen. Die Stadt St.Gallen hat vom aktuellen Boom im Städtetourismus profitiert und konnte die Logiernächte steigern. In den Bergen, im Heidiland und auch im Toggenburg hingegen gingen die Übernachtungszahlen stark zurück. Insgesamt weist die Ostschweiz im Vergleich zu den anderen Schweizer Grossregionen am wenigsten Übernachtungen auf. Angesichts dieser Fakten ist für Kurt Weigelt das Fazit klar: «Es gibt viel zu tun, oder positiv formuliert: Der Tourismus in der Ostschweiz hat grosses Aufholpotenzial.»

Bodensee hat touristisch stark zugelegt
Das Leadreferat hielt Jürgen Ammann, Geschäftsführer der Internationalen Bodensee Tourismus (IBT) GmbH. Aufgabe der IBT ist es, den Tourismus in der Vierländerregion Bodensee zu fördern. Ammann zeigte eindrücklich die Unterschiede zwischen dem Schweizer und dem deutschen Bodenseeufer auf: Die Anzahl Übernachtungen am Bodensee ist in den letzten 20 Jahren stark angewachsen, allerdings hauptsächlich auf deutscher Seite. Das Verhältnis der Übernachtungen in Deutschland und der Schweiz liegt bei etwa 10:1. Auch hier sind die Städte Konstanz oder Lindau die Treiber der Entwicklung.

Ammann ist von der Notwendigkeit überzeugt, verstärkt in Netzwerken zusammenzuarbeiten, um künftig im Tourismus relevant zu sein: «Wir müssen unser Denken und Handeln auf den Kopf stellen: Viel gemeinsam und wenig allein, anstelle von viel allein und wenig gemeinsam.»

Neue Hotelbetriebe als Motoren
Aus Sicht des Unternehmers und ehemaligen Nationalrats Hermann Hess kann am Schweizer Bodensee-Ufer noch viel getan werden. Als Hauptaktionär der Schweizerischen Bodensee Schifffahrt geht er selbst mit gutem Vorbild voran und investiert in die touristische Attraktivität. Dabei sei die Schweizer Seeseite historisch bedingt eher im Nachteil: Im Thurgau seien eher Industrie- und Gewerbebauten ufernah gebaut worden, anstatt Schlösser und Naherholungsgebiete wie in Deutschland und Österreich.

Trotzdem darf der Tourismus nicht unterschätzt werden. Schliesslich beschäftige er gleichviele Menschen wie die Landwirtschaft. Die Grundlage einer touristischen Entwicklung «bildet eine leistungsfähige Hotellerie», ist Hess überzeugt. Neue Hotelbetriebe würden den Detailhandel und die Gastronomie in der Region beleben und das Image der Region verbessern. Ihm schwebt zudem eine gemeinsame Präsentation des reichen touristischen Angebots des Bodensee-Hinterlandes als Nordostschweiz vor (bestehend aus den Kantonen St.Gallen, Thurgau, Appenzell Innerrhoden und Appenzell Ausserrhoden).

Touristisches Produkt «Ostschweiz» gibt es nicht
Auch das Unternehmen von Mélanie Eppenberger, Verwaltungsratspräsidentin der Toggenburg Bergbahnen AG, hat in den letzten Jahren viel investiert und zum Beispiel das neue Gipfelrestaurant auf dem Chäserrugg gebaut. Sie ist skeptisch was eine touristische Dachmarke «Ostschweiz» angeht: «Die Ostschweiz als touristisches Produkt gibt es nicht und der Versuch, eine künstliche Einheit auf regionaler Ebene zu bilden, kann kontraproduktiv sein, weil die Prägnanz der einzelnen Produkte abgeschwächt wird», glaubt Eppenberger. Entscheidend sei, dass die einzelnen Leistungserbringer im Tourismus gute Produkte anbieten. Werden Gäste einmal angezogen, werden sie auch weitere Dienstleistungen nachfragen.

Überregionale Vermarktung führt zu Erfolg
Als Vertreter der Hotellerie konnte Torsten Pinter, Direktor Hotel und Klinik Oberwaid, gewonnen werden. Aus seiner Sicht arbeiten die Kantone, die Tourismus- und Hotelverbände noch zu wenig zusammen. Er liess auch andere Hoteliers und Partner der Oberwaid in Videostatements zu Wort kommen, die alle zum selben Schluss kamen: Eine Zusammenarbeit der verschiedenen Organisationen und eine überregionale Vermarktung seien unumgänglich für den Erfolg des Ostschweizer Tourismus.

Kleinräumige Strukturen in der Volkskultur
Emil Koller hat als Marketing-Strategieentwickler der Koller.Team GmbH und Innerrhödler sein Statement zum Thema Volkskultur abgegeben. Aus Optik der Volkskultur sieht er keinen Handlungsbedarf für eine touristische Zusammenarbeit in der Ostschweiz. Die Volkskultur sei kleinräumig strukturiert und deshalb sei eine touristische Einheitsmarke «Ostschweiz» nur schwer umsetzbar. Falls man doch eine solche Marke schaffen wolle, müssten wohl zuerst die Ostschweizer Kantone mit einer Fusion den Grundstein dafür legen, meinte er augenzwinkernd.

Interkantonales Networking
Bevor sich die gut 160 Teilnehmer über die Kantonsgrenzen hinweg beim Apéro vernetzten, fand unter der Leitung von Caroline Derungs (Messeleiterin Grenzenlos) eine Podiumsdiskussion mit den Referenten statt. Dabei wurden verschiedene Aspekte vertieft wie die Bedeutung privater Investitionen in attraktive und zeitgemässe Produkte, der Sinn einer gemeinsamen Ostschweizer Vision oder die Ausbildungsmöglichkeiten in der Ostschweiz.

Die EcoOst-Arena
Die Ostschweiz glänzt unter den Schweizer Grossregionen nicht mit Geschlossenheit und gemeinsamen politischen Aktionen. Mit der EcoOst-Arena wollen die beiden Industrie- und Handelskammern Thurgau und St.Gallen-Appenzell den Gründen für den schwachen Zusammenhalt nachspüren und Lösungsansätze für gemeinsame Herausforderungen finden. Die Veranstaltung findet einmal jährlich statt und bringt Ostschweizer Politiker sowie politisch interessierte Unternehmer aus den Kantonen Thurgau, St.Gallen und den beiden Appenzell zusammen.

Nachdem die erste Durchführung 2017 grundlegenden Fragen nach dem Sinn und Unsinn eines politischen Raums «Ostschweiz» nachging, stand bei der zweiten Durchführung der Tourismus im Zentrum. Über 160 Teilnehmer folgten wiederum der Einladung nach Romanshorn und nutzten die EcoOst-Arena für den interkantonalen Austausch.