Die Ostscheiz altert schneller und wächst langsamer
26.02.2019

Die Ostscheiz altert schneller und wächst langsamer

Die Schweizer Bevölkerung wird älter. Die Lebenserwartung steigt und die zahlenmässig grossen Jahrgänge zwischen 1950 und 1970 erreichen das Pensionsalter. Ohne Änderung dieser Schwelle wird sich das Verhältnis von Aktiven zu Pensionierten Mitte des Jahrhunderts auf noch etwa zwei zu eins reduzieren. Besonders dramatisch ist diese Entwicklung in der Ostschweiz, wie Frank Bodmer im neuen IHK-Research Zoom aufzeigt.

In den letzten Jahren sorgte eine starke Einwanderung für einen gewissen Ausgleich und stützte insbesondere auch das Ostschweizer Bevölkerungswachstum. Dagegen hat die Kernregion Ostschweiz, mit St.Gallen, Thurgau und den beiden Appenzell, seit Beginn des Jahrtausends Einwohner an andere Regionen verloren. Die Bevölkerungsszenarien des Bundes rechnen mit einer Fortsetzung dieser Trends. Die Bevölkerung der Ostschweiz dürfte damit langsamer wachsen und schneller altern als im Schweizer Schnitt.

1 // Szenarien zur Bevölkerungsentwicklung

Die Bevölkerung altert. Die Lebenserwartung steigt, und die zahlenmässig gewichtigen Baby Boomer erreichen das Pensionierungsalter. Die Bevölkerungsszenarien des Bundes versuchen, diese erwarteten Trends für die nächsten 30 Jahre in Zahlen zu fassen. Solche langfristigen Prognosen sind zwar mit vielen Unsicherheiten behaftet und stellen sich im Nachhinein in der Regel auch als wenig präzise heraus. Trotzdem sind sie nützlich und nötig. Sie erlauben eine Analyse der Auswirkungen von politischen oder soziodemographischen Veränderungen.

Ein gewichtiger Teil der demographischen Prozesse verändert sich nur langsam. Die Altersgruppe der heute 50 bis 55-Jährigen wird in zehn Jahren den überwiegenden Anteil der Altersgruppe der 60 bis 65-Jährigen stellen, da die Sterblichkeit in dieser Altersgruppe tief ist. Zudem finden Verhaltens­änderungen wie eine Änderung der Geburtenrate meist nur langsam statt. Grosse Unbekannte ist die Einwanderung, welche von politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen gesteuert wird. Diese sind kaum prognostizierbar, was auch die Fehlprognosen der Vergangenheit erklärt. Auch bei der Lebenserwartung besteht eine erhebliche Unsicherheit. Medizinische Durchbrüche könnten zu einem deutlichen Anstieg der Lebenserwartung führen, eine Pandemie würde das Gegenteil bewirken.

2 // Ostschweiz mit unterdurchschnittlichem Bevölkerungswachstum

Der Bund arbeitet für die Jahre bis 2045 mit verschiedenen Szenarien, welche sich vor allem durch die Zahl der Nettoeinwanderer unterscheiden. Im tiefen Szenario wird die Schweizer Bevölkerung ab 2035 mehr oder weniger stagnieren, mit einem Maximum bei rund 9.5 Millionen Personen. Im Szenario hoch verlangsamt sich das Wachstum etwas, geht aber auch bei rund 11 Millionen Personen im Jahr 2045 noch weiter. Dazwischen liegt das so genannte Referenzszenario. Die Kantone können eigene Szenarien erstellen, welche dann Grundlage für die Raumplanung finden. Die meisten Kantone arbeiten mit Szenarien, welche leicht über dem Referenzszenario liegen. Aus Gründen der Vergleichbarkeit werden für die folgende Analyse aber die Szenarien des Bundes verwendet.

Von den Ostschweizer Kantonen wächst gemäss Szenarien nur der Thurgau insgesamt schneller als die Schweiz. Diese Entwicklung war bereits in den Jahren zwischen 2000 und 2017 zu beobachten und setzt sich laut den Szenarien fort. Im tiefen Szenario werden die beiden Appenzell und St.Gallen gegen Ende der betrachteten Periode bevölkerungsmässig sogar schrumpfen, der Thurgau stagnieren. 

3 // Einwanderung als kritischer Faktor

Der grosse Unterschied zwischen den verschiedenen Szenarien liegt bei der Nettozuwanderung aus dem Ausland. Im Gefolge der Personenfreizügigkeit mit der EU stieg die Zahl der Nettozuwanderer seit 2000 stark an. Im Höhepunkt gewann die Schweiz 2008 auf diesem Weg netto beinahe 100'000 Einwohner pro Jahr. 2017 lag die jährliche Nettoeinwanderung dagegen nur noch bei etwa 50'000 Personen. Sie lag in den drei Jahren 2015 bis 2017 auch unter den Werten des Referenzszenarios. Dieses sieht für die Zeit bis 2030 eine Nettozuwanderung von 60'000 Personen vor, danach eine langsame Reduktion auf 20'000. Im hohen Szenario sind es zuerst 80'000 Personen, im tiefen 40'000. In allen drei Szenarien wird aber von einer deutlichen Reduktion der Einwanderung ausgegangen. In den vier Ostschweizer Kantonen folgt die Einwanderung dem Schweizer Muster, mit einem prozentualen Beitrag der Einwanderung leicht unter demjenigen für die Schweiz.

4 // St.Gallen

Die Bevölkerungsentwicklung von St.Gallen folgt dem Muster der internationalen Nettozuwanderung, mit einem Höhepunkt in 2008. St.Gallen verlor dagegen seit 2000 jährlich rund 0.2% der Bevölkerung an andere Kantone, eine Abwanderung, welche sich in den letzten Jahren be­schleunigt hat. Das Referenzszenario hat diese Beschleunigung der interkantonalen Abwanderung nicht berücksichtigt, was das im Vergleich zum Referenzszenario tiefere Bevölkerungswachstum der letzten Jahre erklärt. Der Geburtenüberschuss liegt aktuell bei etwa 0.3%, ganz leicht höher als im Referenzszenario. Der Beitrag des Geburtenüberschusses wird sich gemäss allen Szenarien reduzieren. In St.Gallen soll er gemäss Referenzszenario ab rund 2040 negativ werden. Die aktuellen Werte der internationalen Zuwanderung liegen dagegen etwa auf Höhe des Referenzszenarios. Gegen Ende der Periode würde St.Gallen nur noch langsam wachsen.

5 // Thurgau

Das Thurgauer Bevölkerungswachstum ist breiter abgestützt als dasjenige von St.Gallen, dank eines positiven Beitrags der interkantonalen Wanderung. Aktuell liegt deren Beitrag bei rund 0.3% pro Jahr, etwa gleich hoch wie der Beitrag des Geburtenüberschusses. Die internationale Zuwanderung trägt die übrigen 0.6% bei. Aufgrund der in den letzten Jahren leicht tieferen Zuwanderung lagen die effektiven Werte des Wachstums zwischen 2015 und 2017 leicht unter den Prognosen des Referenzszenarios. Auch gegen Ende der Periode soll der Thurgau mit rund 0.35% wachsen, dank einem anhaltend positivem Beitrag der internationalen und interkantonalen Zuwanderungen.

6 // Appenzell Ausserrhoden

Im Vergleich zu den beiden grossen Ostschweizer Kantonen ist die Entwicklung von Appenzell Ausserrhoden durch eine hohe Volatilität geprägt. Ausserrhoden verlor ab Mitte der 1990er Jahre Einwohner. Dieser negative Trend konnte 2007 und 2008 kurz, seit 2011 etwas langfristiger gebrochen werden. Neben der internationalen Zuwanderung war es vor allem die Ver­besserung bei den interkantonalen Wanderungen, welche das Wachstum ermöglichten. Während Ausserrhoden bis 2010 jedes Jahr rund 0.5% der Bevölkerung an andere Kantone verlor, konnte zwischenzeitlich sogar eine Zuwanderung aus anderen Kantonen verzeichnet werden. Insbesondere in Gemeinden rund um die Stadt St.Gallen wurde und wird nach wie vor viel gebaut, was neue Einwohner anzieht. In den Szenarien des Bundes wird diese Verbesserung nur mit grosser Verzögerung reflektiert.

7 // Appenzell Innerrhoden

In Appenzell Innerrhoden, dem mit rund 16'000 Einwohnern kleinsten Ostschweizer Kanton, ist die Volatilität noch grösser. Bereits relativ wenige Zu- oder Wegzüge können die Wachstumsraten stark beeinflussen. In Innerrhoden sind es denn auch vor allem die interkantonalen Wanderungen, welche die Variation im Bevölkerungswachstum bestimmen. Zwischen 2010 und 2014 kam es zu einem Anstieg bei den Wegzügen und einer Reduktion bei den Zuzügen aus anderen Kantonen, was sich in einer Stagnation der Bevölkerung niederschlug. Der internationale Wanderungssaldo war dagegen leicht positiv. Laut Referenzszenario soll der interkantonale Wanderungssaldo deutlich negativ bleiben, was das Innerrhoder Bevölkerungswachstum tiefer halten würde. Vergleichsweise hoch wäre dagegen der Geburtenüberschuss. Ab 2035 wäre laut Referenzszenario mit einem Rückgang der Bevölkerung zu rechnen.

7 // Überdurchschnittliche Alterung als Konsequenz

Eine Konsequenz des tieferen Ostschweizer Bevölkerungswachstums ist die schnellere Alterung. Gesamtschweizerisch wird das Verhältnis von Aktiven zu Rentnern von rund vier auf noch etwas über zwei sinken. In der Ostschweiz wird diese Reduktion noch deutlicher ausfallen. Während es für die Schweiz als Ganzes gemäss Referenzszenario im Jahr 2045 rund 2.1 wären, käme St.Gallen auf 2.05, Thurgau auf 1.98, Appenzell Ausserrhoden auf 1.91 und Appenzell Innerrhoden auf 1.83. Etwas überraschend findet sich der Thurgau hinter St.Gallen, trotz eines insgesamt schnelleren Wachstums. Der Grund dafür liegt in der gegen Ende der Periode tieferen Zuwanderung. Diese erhöht das Gewicht der Alterung der aktuell Aktiven.

Die tiefe internationale Zuwanderung und die interkantonale Abwanderung betreffen vor allem junge Personen. Ein tiefes Bevölkerungswachstum heisst deshalb auch, dass die Zahl der Familien mit Kindern kleiner ist, weniger Bildungsplätze benötigt werden und weniger Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Damit sinkt zudem das Ressourcenpotenzial, welches zur Finanzierung der steigenden Lasten im Gesundheits- und Sozialbereich zur Verfügung steht. Die Effekte der Alterung auf die Zahl der Auszubildenden, die Zahl der Erwerbsfähigen und die Gesundheitskosten werden in einer Reihe von zusätzlichen IHK-Research Zooms beleuchtet werden.

Dr. Frank Bodmer st Leiter von IHK-Research, dem volkswirtschaftlichen Kompetenzzentrum der IHK St.Gallen-Appenzell