«Alles, nur nicht das KV»
19.10.2018

«Alles, nur nicht das KV»

Adrian Rufener hat sowohl den St.Galler wie auch den Schweizerischen Anwaltsverband bei IT-Projekten begleitet. Im Gespräch mit dem LEADER sagt der St.Galler Anwalt und IT-Spezialist, dass das, was die meisten KMU heute unter Digitalisierung verstehen, erst eine Art – selbstverständliche – Prozessoptimierung sei. Das «dicke Ende» komme erst noch.

Adrian Rufener, wo stehen wir, die Ostschweizer KMU-Landschaft, bei der Digitalisierung?
Die sogenannte Digitalisierung, wie wir sie heute betreiben, ist eigentlich schon seit 50 Jahren aktuell. Dabei geht es immer um Prozessoptimierungen durch den Einsatz von mehr Informatik zuungunsten von menschlicher Arbeitskraft. Dokumente in einem Büro elektronisch zu verwalten und den physischen Posteingang scannen zu lassen, das ist Best Practice, aber noch lange nicht das, was Tekkies unter Digitalisierung verstehen.

Prozessoptimierungen sind doch nichts Falsches?
Nein, aber wir stehen uns dabei selbst im Weg, weil wir sie so handeln, wie wir es schon vor zig Jahren gemacht haben. Nationen oder Unternehmen, die quasi aus dem Nichts in das Zeitalter der Digitalisierung katapultiert worden sind, haben da einen ganz anderen Zugang, sie müssen sich nicht mit althergebrachten Denkmustern herumschlagen, sondern können quasi auf der grünen Wiese neu bauen.

Haben Sie dafür ein Beispiel?
In Afrika, Indien und v.a. in China erledigen heute Tausende, nein Millionen von Menschen ihre Bankgeschäfte übers Smartphone. Diese Menschen mussten nicht von einem althergebrachten Denkmuster – «ich gehe zur Bank» – gelöst werden, sondern sie hatten vorher gar keine bankbezogenen Ideen, weil sie keine Bankgeschäfte tätigen konnten oder mussten. Das haben clevere Unternehmen realisiert und diesen Menschen damit den Zugang zu etwas für sie komplett Neuem ermöglicht. China ist heute das am meisten digitalisierte Land.

Wir haben halt diese Vergangenheit, von der man sich nur ungern löst.
Eben. Und darum sind bei uns bis jetzt Disruptionen ausgeblieben, wir haben uns auf Optimierungen beschränkt, die uns unseren gewohnten Alltag nicht allzu sehr durcheinanderbringen – Pflästerlipolitik, sozusagen. Aber da kommt noch einiges auf uns zu, wir könnens zwar hinausschieben, aber nicht aufhalten. Zudem tun wir uns schwer, Prozessoptimierungen, welche längstens möglich sind, rasch umzusetzen.

An was denken Sie da konkret?
An die Künstliche Intelligenz. Das ist es, was auch den Büroalltag in jeder Branche noch gewaltig umkrempeln wird. Routinearbeit wird künftig von «intelligenten» Systemen erledigt werden, mit der Konsequenz, dass es für diese Arbeiten, wenn überhaupt noch, weniger menschliche Arbeitskraft braucht.

Dann fallen diese Stellen weg?
Wir setzen Studenten nun im Sekretariat ein, wo sie am Telefon Kundenkontakte pflegen, Dossiers anlegen und Rechtsschriften ausfertigen. Dafür fallen aber diese Stellen weg … Aber wir müssen ja jungen Berufseinsteigern die Möglichkeit geben, in der Praxis tätig zu sein, bevor sie «in die freie Wildbahn» entlassen werden. Ich habe meinen Kindern gesagt: «Ihr könnt lernen, was ihr wollt, solange es nicht das KV ist.» Denn ich bin überzeugt, dass Routinearbeiten im Büro je länger, je mehr von Systemen erledigt werden. Schon die Computerisierung brachte hier eine riesige Umwälzung: 1999 hat eine Sekretärin etwa anderthalb Anwälte bedient, 2004 waren es schon drei Anwälte. Und 2018 sind es in unserer Kanzlei bereit sechs Anwälte, die sich eine Sekretärin teilen.

Den Menschen wird’s also nicht mehr brauchen?
Doch, natürlich – als Leiter, Kommunikator, Datenanalyst und Kontrolleur. Jemand muss diese Systeme anweisen und überwachen, und jemand muss nach wie vor mit Kunden und anderen Stakeholdern sprechen. Der Mensch ist nicht dafür gemacht, ausschliesslich mit Maschinen zu kommunizieren. Hier wird der Faktor Mensch immer wichtig sein.

Aber er wird sich aufs Kontrollieren und Kommunizieren beschränken müssen?
Grob gesagt, ja. Nehmen Sie etwa die SUVA: Diese hat neulich einen Testlauf zur Beurteilung von Schadenfällen gemacht, Mensch gegen Maschine. Die Maschinen waren schlicht besser, also objektiver und nachvollziehbarer, wo es darum ging, einen Schadenfall als Unfall einzustufen oder nicht. Das erhöht einerseits Fairness und Rechtssicherheit – ein Fall wird überall gleich beurteilt –, andererseits sind durch solche Systeme natürlich Tausende von Arbeitsplätzen in Gefahr.

Apropos Rechtssicherheit: Sie haben für den St. Galler und für den Schweiz. Anwaltsverband (SAV) teilweise grosse IT-Projekte geleitet …
Beim SAV ging es vorerst um die Implementierung einer zentralen Datenbank, in der sämtliche Mitglieder nur einmal erfasst und die Daten historisiert werden. Jetzt hat der Schweiz. Verband eine Lösung mit Ostschweizer Wurzeln, denn sie wurde aufgrund der Erfahrungen des St. Galler Anwaltsverbandes programmiert, die mit Thurgauer Hilfe, der Chrisign in Weinfelden, entwickelt wurde. Der Einsatz einer zentralen Datenbank hat es u.a. ermöglicht, weitere Module wie den webbasierten «Pikettdienst Strafverteidigung» anzuhängen, welcher von den Kantonen SG, AR, AI, TG, SO und BE eingesetzt wird. Digitalisierung heisst, dass zwischen die Marktteilnehmer (hier: Strafverfolgungsbehörden, Anwälten, Beschuldigte) Plattformen «geschoben» werden. Die Vorteile liegen auf der Hand: 7 x 24h Erreichbarkeit und sehr tiefe laufende Kosten für den Unterhalt der Plattform.

Auch mit einer solchen Standardisierung werden Arbeitsplätze wegrationalisiert.
Das ist der Lauf der Zeit, leider: Nur mit Optimierungen und v.a. mit der Bereitschaft Veränderungen umzusetzen, kann man konkurrenzfähig bleiben. Man kann das gut finden oder schlecht, es bleibt aber ein Fakt. Und wie gesagt: Ich bin überzeugt, dass das erst der Anfang von brutalen Umwälzungen ist.

Haben Ihre Kinder eigentlich auf Sie gehört und keinen Bürojob gelernt
Ja, aber aus Überzeugung. Unsere Tochter studiert Jus und unser Sohn ist mit Leib und Seele Zimmermann – natürlich wird sich auch jedes Handwerk im Zuge der Digitalisierung verändern, aber menschliche Hand-Arbeit wird es immer brauchen. Alles werden auch Roboter nicht machen können.

Adrian Rufeners vier DSGVO-Tipps lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des LEADERS auf Seite 39.

https://www.leaderdigital.ch/leader-hauptausgaben.html