Den Grossen Sorge tragen und nicht nur Neue jagen

Umsatzzahlen, Personalentwicklung, Exportrate, Zahl der Standorte: Es gibt viele Bemessungsziffern rund um die Bedeutung eines Unternehmens. Sie können aber selten eins zu eins verglichen werden. Entscheidend ist vielmehr das qualitative Wachstum – und wie es im Einklang zur Philosophie des Unternehmens steht. Das aber ändert nichts daran, dass auch die Ostschweiz «Big Players» braucht.

Die grössten Arbeitgeber der Ostschweiz: Das ist ein Ranking, das man mit Blick auf die Anzahl der Beschäftigten recht leicht nachvollziehen kann. Eine inhaltliche Bewertung in Bezug auf den Zustand eines Unternehmens und seines Beitrags zur Wertschöpfung ist das aber noch nicht. Und dennoch steht es ausser Zweifel: Will eine Volkswirtschaft wachsen beziehungsweise mindestens den Ist-Zustand wahren, braucht sie Arbeitsplätze. Und das vor dem Hintergrund eines wirtschaftlichen Wandels, der in einem enormen Tempo voranschreitet.

«Wachstum entsteht, wenn die Politik den Spielraum bereitstellt und die Unternehmen diesen nutzen.»

Dieser Wandel will verarbeitet sein. Und das nicht nur von den Unternehmen, sondern auch von denen, die den Unternehmern die Bedingungen und damit ihr tägliches Umfeld diktieren: von der Politik.

Erfolg laut Statistik

«Jobs, Jobs, Jobs»: Gleich mehreren Politikern wird dieses Zitat zugeschrieben auf die Frage, welches Ziel sie mit ihrem Einsatz verfolgen. Das ist nachvollziehbar. Die Leistung von politischer Arbeit kann am besten mit Statistiken untermauert werden. Nachvollziehbare und vor allem vergleichbare Zahlen sind der beste Beleg für den Erfolg von Politikern – oder den Misserfolg. Alles andere ist warme Luft, und von der gibt es in der Politik ja bekanntlich eine ganze Menge. Statistiken als Leistungsausweis: Das ist manchmal nicht ganz fair. Denn die Rahmenbedingungen lassen sich nur bis zu einem gewissen Grad steuern. Der offene Welthandel hat dazu geführt, dass ein lauer Wind an Ort X zu einem wahren Orkan an Ort Y führen kann – ohne die Möglichkeit, darauf Einfluss zu nehmen. Gleichzeitig muss man aber auch sagen: Einem Politiker kann nichts Besseres passieren, als in schlechten Zeiten gewählt zu werden. Denn dann kann es ja nur noch aufwärts gehen.

Genug Zeit lassen

Ein Beispiel dafür finden wir einige Jahrzehnte zurück. Dort wurde Franklin D. Roosevelt mitten in der Wirtschaftskrise zum amerikanischen Präsidenten gewählt. Er krempelte die Ärmel zurück und arbeitete den sogenannten «New Deal» aus, eine Art Abkommen zwischen Unternehmen, Arbeitskräften und Gewerkschaften, die mit vereinten Kräften einen Weg aus dem Tal der Tränen finden sollten. Roosevelt tat aber noch etwas anderes. Er beschwor alle seine potenziellen Kritiker, ihm die nötige Zeit für die Umsetzung zu geben, sprich: Sein Programm nicht öffentlich zu zerreissen, bevor es überhaupt eine Chance hatte, Wirkung zu entfalten. Denn Neuanfänge brauchen Zeit. Von den USA zurück in die Ostschweiz: Auch sie lebt von Arbeitsplätzen, und sie ist in dieser Hinsicht im Vergleich zum Rest der Schweiz nicht so übel dran. Das ist einerseits der Politik zu verdanken, die – bei aller Detailkritik, die auch der LEADER gerne ausübt – unterm Strich sicher kein wirtschaftsfeindliches Umfeld geschaffen hat. Und andererseits den Unternehmen, die den gebotenen Spielraum auch nützen, um zu wachsen.

«Jobs, Jobs, Jobs.»
«Jobs, Jobs, Jobs.»
Gleich mehreren Politikern wird dieses Zitat zugeschrieben auf die Frage, welches Ziel sie mit ihrem Einsatz verfolgen.

Wahrnehmung und Wirklichkeit

Dabei entsteht ein gewisses Spannungsfeld zwischen aufregenden, innovativen Start-ups und alteingesessenen Unternehmer. Die Start-ups sind es, die Schlagzeilen machen. Sie lösen Hoffnung aus, versprechen Wachstum in der Zukunft. Aber sie sind in aller Regel zu Beginn personell bescheiden aufgestellt. Das macht auch Sinn, wer sich bereits zu Beginn über Gebühr aufbläht, der droht zu platzen. Dennoch besteht manchmal ein Gefälle zwischen Wirklichkeit und Wahrnehmung. So wichtig es auch ist, dass sich die Ostschweiz ihren Platz in den Branchen der Zukunft mit aufstrebenden jungen Unternehmen sichert, so bedeutsam ist es auch, die nicht aus den Augen zu verlieren, die seit vielen Jahren oder Jahrzehnten ihren Beitrag an den Standort leisten. Die Standortförderer können ein Lied von diesem Gefälle singen. Man erwartet von ihnen, dass sie neue Betriebe an Land ziehen, gleichzeitig müssen sie genügend Zeit für die Bestandespflege aufbringen.

«Diese Liste ist auch als ‹Besuchsliste›
zu verstehen für alle, die sich der Förderung des Standorts verschrieben haben.»

Treue belohnen

Es ist ein bisschen vergleichbar mit der Strategie von Telekommunikationsfirmen, die Jagd auf neue Kunden machen. Diesen wird bei einem Wechsel alles Mögliche versprochen: Man unterstützt sie bei der Kündigung beim Konkurrenten, übernimmt die Gebühren, wirft ihnen neue Geräte förmlich nach und stellt obendrauf einen attraktiven Sondertarif in Aussicht. Auf der Strecke bleiben die Kunden, die seit vielen Jahren treu sind und von solchen Angeboten nur träumen können. Wenn wir in dieser Ausgabe einen Blick auf die grössten Arbeitgeber der Ostschweiz werfen, ist das zugleich ein Aufruf, diesen Sorge zu tragen. Sie sind nicht selbstverständlich. Und sie sind in der Summe ein unverzichtbares Element des Wohlstands unserer Region. Nach wie vor brauchen wir Nachwuchs, Jungunternehmer, die alles auf eine Karte setzen. Aus ihnen werden nicht selten die Grossen von morgen. Aber es wäre fatal, bei ihrer Förderung diejenigen auf der Strecke zu lassen, die das bereits geschafft haben. Denn auch sie stehen im Gegenwind, haben auf den internationalen Märkten zu kämpfen und müssen oft alles daran setzen, den Bestand zu wahren.

In diesem Sinn ist die von uns publizierte Liste auch als «Besuchsliste» zu verstehen für alle, die sich der Förderung des Standorts verschrieben haben. Den Puls dieser Unternehmen zu spüren, im Gespräch mögliche Stolpersteine zu erkennen und einfach Präsenz zu markieren: Das kann entscheidend sein, wenn es darum geht, zu ihrem Erfolg beizutragen. Und vor allem auch, wenn es darum geht, sie hier zu halten: in der Ostschweiz.

Text: Stefan Millius
Bild: zVg