Ostschweiz

St.Galler Spitäler: Der lange Weg zum Unternehmen

St.Galler Spitäler: Der lange Weg zum Unternehmen
Stefan Kuhn
Lesezeit: 5 Minuten

Er ist Unternehmer, Universitätsrat und Verwaltungsrat beim Projekt «Cargo sous Terrain»: Der St.Galler Stefan Kuhn engagiert sich seit dem Verkauf seines Familienunternehmens K+D in einem vielfältigen Portfolio; seit April 2023 auch als Präsident der St.Galler Spitalverbunde. Warum tut der bald 60-Jährige sich das an?

Stefan Kuhn, bis 2025 sollen die St.Galler Spitäler in St.Gallen, Grabs, Uznach und Wil per 2025 zu einem Spitalunternehmen zusammengeführt werden. Sind Sie auf Kurs?
Ja, wir sind auf Kurs. Der St.Galler Kantonsrat hat der Fusion der Spitalverbunde per 1. Januar 2025 zugestimmt.

Gleichzeitig sollen die St.Galler Spitäler neu positioniert werden. Wie genau?
Der Verwaltungsrat hat neben der Neustrukturierung und Organisation zu einem Unternehmen an vier Standorten zum ersten Mal unternehmensweit eine Unternehmensstrategie mit Substrategien für die Standorte entwickelt. An allen Standorten stellen wir kantonsübergreifend die medizinische Grundversorgung sicher; das Kantonsspital St.Gallen wird als das Endversorgerspital der Ostschweiz und als «universitäres Lehr- und Forschungsspital» positioniert.

Das KSSG und die Universität St.Gallen bieten seit Herbst 2020 gemeinsam mit der Universität Zürich einen Joint Medical Master an. Das KSSG darf sich nun als «universitäres Lehrspital und Forschungsspital» bezeichnen. Was bringt das unserer Region?
Die Region profitiert von einem noch attraktiveren Arbeitgeber «Kantonsspital». Die Luzerner und St.Galler Regierungen haben gemeinsam beschlossen, dass ihre Kantonsspitäler die Zusatzbezeichnung «Universitäres Lehr- und Forschungsspital» tragen dürfen. Diese Bezeichnung ergibt sich aus der Lehrleistung des medizinischen Masterlehrganges und aufgrund der seit Jahren hervorragenden, auf europäischem Niveau ausgezeichneten Forschungsleistung des Kantonsspital St.Gallen.

 

«Wir holen medizinische Wertschöpfung nach St.Gallen zurück.»

Als Präsident der St.Galler Spitalverbunde könne man nur verlieren, sagen einige – für jede Kritik an der Spitalpolitik und an den Spitälern selbst müssen Sie den Kopf hinhalten. Warum haben Sie sich diese Aufgabe 2023 aufgebürdet?
Weil es eine spannende und verantwortungsvolle Aufgabe ist, die aktuell viel Gestaltungskraft erfordert, aber auch viel ermöglicht. Die St.Galler Spitalverbunde treiben seit 2019 eine fundamentale Strukturentwicklung voran. Meine beiden VRP-Vorgänger haben dazu beigetragen, die Spitäler eigenständiger zu organisieren und Standorte wie Rorschach, Flawil, Wattwil zu schliessen und Walenstadt an Chur zu verkaufen. Es gilt nun, die Spitäler unternehmerisch und medizinisch weiter zu strukturieren und zu gestalten, die Strategie umzusetzen, Erträge zu steigern, Patientenprozesse optimal zu definieren, Digitalisierung und Lean Management voranzutreiben und dabei selbstredend auch Kosten zu senken. 

Und Ihr persönliches Ziel dabei ist …?
Es ging und geht nie um mich oder meine persönlichen Ziele. Das Ziel des gesamten Verwaltungsrates und der Geschäftsleitungen der St.Galler Spitäler ist es, diese Transformation strategisch und strukturell zu gestalten und umzusetzen. Wir müssen es bei einem Umsatz von 1,4 Milliarden schaffen, unsere Investitionen selbst zu finanzieren.

Von linker Seite wurden Sie hart attackiert; eine Gewerkschafterin bezeichnete Sie in einem «Tagblatt»-Interview als «frech», Ihre Aussagen zum Stellenabbau gar als «gelogen». Wie geht man mit solcher Kritik um?
Ich kann mit Kritik gut umgehen. Zudem fallen Kritik und Wortwahl manchmal auch auf den Absender zurück. Die Personalabbaumassnahmen waren für alle ein schmerzlicher und einschneidender Schritt – leider aber auch ein alternativloser. Ich bin überzeugt, dass wir ehrlich und transparent kommuniziert haben. Mir war es extrem wichtig, dass wir die Mitarbeiter Ende September letzten Jahres persönlich direkt via Spitalleitungen über die nötigen Massnahmen informieren konnten. Auch die Personalkommission haben wir vorgängig informiert. Dies alles mussten wir entsprechend planen. Trotzdem gab es kein Informationsleck. Das hielt ich nicht für selbstverständlich; es hat mich persönlich sehr gefreut. Als Arbeitgeber durften wir aus Persönlichkeitsschutzgründen zudem Einzelfälle nicht kommentieren.

 

  

«Bauchschmerzen bereitet mir die seit Jahren nicht kostendeckende Tarifsituation.»

Die Umsetzung der neuen Spitalstrategie ist weit fort geschritten. Die Spitäler Rorschach, Flawil, Wattwil sind geschlossen und Walenstadt ist verkauft. 2027 soll in Altstätten Lichterlöschen sein. Ist die Zeit, als die Wogen massiv hochgingen, vorbei?
Das Gesundheitswesen geniesst verständlicherweise eine hohe Aufmerksamkeit und ist somit immer exponiert. Die Schliessungen und der Stellenabbau sind kommuniziert. Wir bringen die Restrukturierung nun zu Ende, stabilisieren und positionieren uns neu.

Konkret: Ist die Kündigungswelle damit vorbei?
Ja, diese ist definitiv abgeschlossen. Dass es auch in Zukunft vereinzelt zu punktuellen Entlassungen kommen kann, können wir bei einem Unternehmen unserer Grösse mit über 8000 Mitarbeitenden natürlich nicht ausschliessen.

Als Unternehmer müsste Sie ein Blick in den Thurgau stutzig machen: Warum schafft die Thurmed-Gruppe (5000 MA) immer wieder einen Gewinn (2023: 7,6 Millionen), während die St.Galler Spitäler (8000 MA) regelmässig Verluste einfahren (2023: 99,1 Millionen)?
Die Thurgauer Spitäler machen einen guten Job, keine Frage. Dieser Erfolg beruht u. a. auf der Auslagerung in eine Aktiengesellschaft 1999. Bereits zuvor wurden im Thurgau Regionalspitäler geschlossen. Im Gegensatz dazu verfügten die St.Galler Spitäler bisher über weniger Spielraum; auch Spitalschliessungen waren politisch lange nur schwer durchsetzbar. Zudem konzentrieren sich im Thurgau die beiden Standorte auf die Grundversorgung. Die St.Galler Spitalverbunde haben ebenfalls einen Grundversorgungsauftrag. Das Kantonsspital St.Gallen ist aber zusätzlich das Endversorgerspital der Ostschweiz; es lässt sich daher nicht mit unserem nördlichen Nachbarn vergleichen.

 

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«Mit der Fusion werden wir das Unternehmen über nur noch eine Geschäftsleitung führen.»

In die gleiche Richtung zielt die St.Galler Regierung; sie möchte den Spitälern «mehr unternehmerische Freiheiten» zugestehen. Wie werden diese aussehen und sich auswirken?
Mit der Fusion zu einem Gesundheits- und Spitalunternehmen an vier Standorten werden wir das Unternehmen über einen Verwaltungsrat und nur noch eine Geschäftsleitung führen. Zudem gilt für unsere St.Galler Kliniken das Prinzip «eine Klinik – vier Standorte». Das Leistungsportfolio wird marktgerecht je Standort stationär und ambulant angepasst und kontinuierlich weiterentwickelt.

Welche zukünftigen Massnahmen machen Ihnen zurzeit am meisten Bauchschmerzen?
Bauchschmerzen bereiten mir weniger zukünftige Massnahmen im Bereich der St.Galler Spitäler als vielmehr die seit Jahren nicht kostendeckende Tarifsituation, von der fast alle Spitäler in der Schweiz betroffen sind, aber auch die Teuerung und die starke Zunahme der Energiekosten. Die medizinisch-technologische Entwicklung, die Ambulantisierung, die Patienten-Prozessorientierung und die Digitalisierung werden das gesamte Gesundheitswesen und damit auch uns enorm fordern. Die grosse Kunst ist es, kundenorientiert zeit- und kostengerechte Lösungen zu entwickeln und anzubieten. 

Braucht St.Gallen in diesem Umfeld wirklich auch noch eine Herzmedizin? – Zürich liegt gerade mal eine Stunde Fahrt entfernt.
Ja, die Ostschweiz hat in diesem Bereich eine Unterversorgung. Weil wir dies nicht allein stemmen, handeln wir in dieser Disziplin nach dem Prinzip «eine Klinik – drei Standorte». Das Kantonsspital St.Gallen wird neben dem Hauptstandort Universitätsspital Zürich und dem Stadtspital Triemli zum dritten Standort dieser Klinik. Der Klinik-Lead liegt beim USZ. Es ist somit kein Alleingang!

Trotzdem: Die Herzchirurgie wird kosten – und die Prämien weiter nach oben treiben.
Nein, die Infrastruktur ist mit dem Neubau des Hauses 07A bereits vorhanden. Wir holen medizinische Wertschöpfung nach St.Gallen zurück. Zudem bilden die drei Kliniken zusammen die grösste Herzklinik der Schweiz. Dieser Verbund macht deshalb Sinn; er wird die schweizweite Konsolidierung beschleunigen.

Text: Stephan Ziegler

Bild: Marlies Beeler-Thurnheer

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