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Wo online und offline verschmelzen

Wo online  und offline  verschmelzen
Von links: Peter Müller, CEO und Johannes Widmer Verwaltungsratspräsident der Gallus Media AG
Lesezeit: 5 Minuten

«Zoom» und «Teams» sind allgegenwärtig – im Zuge der Corona-Pandemie wurden Meetings virtuell abgehalten, Veranstaltungen live in die Stuben gespielt. Es entwickeln sich neue Formate, die weit über das blosse Streamen hinausgehen. Peter Müller, CEO der Gallus Media AG, und Verwaltungsratspräsident Johannes Widmer kennen sie alle.

Johannes Widmer: Wie digital ist die Gallus Media AG heute unterwegs?
Johannes Widmer: Abgesehen von der Weihnachtspost sind wir komplett digitalisiert (lacht). Die Digitalisierung haben wir im Studiobereich bereits in den 90er-Jahren stark umgesetzt, was uns die nötige Agilität im Markt gegeben hat.

Hat die Pandemie einen weiteren «Digitalisierungsschub» initiiert?
JW: Ja. Besonders in der Publikation und Distribution hat die Pandemie einen enormen Digitalisierungsschub – im Sinne einer Virtualisierung – verursacht. Das erzwungene Vakuum hat Zeit, Raum und Druck für Neues ermöglicht; Time to Market war für alle die treibende Kraft. Dies hat viele innovative Lösungen hervorgebracht, die zugleich dank hohen Produktionsfrequenzen verbessert werden konnten.

Wie äusserte sich das bei den Produktionen der Gallus Medien AG?
JW: Das Streamingformat hat deutlich aufgezeigt, welche Art der Gestaltung von Inhalten Zuschauer binden kann – und welche nicht. Viele Erkenntnisse können auch auf Präsenzveranstaltungen übertragen werden: Die intensive Einbindung und abwechslungsreiche Unterhaltung der Besucher ist in den Fokus gerückt. Teilnehmer sollen gebannt dem Inhalt folgen und bewusster Teil der Veranstaltung sein. Der reine Frontalunterricht verschwindet selbst bei Wissensformaten.

Wirklich?
JW: Aber sicher: Die zeitliche und örtliche Unabhängigkeit von Teilnehmern und Auftretenden ermöglicht die variantenreiche Einbindung von Inhalten. Und: Gäste müssen nicht zwingend zeitgleich teilnehmen und können über die Veranstaltung hinaus Inhalte betrachten oder mit Autoren diskutieren. Die Veranstaltung endet erst, wenn der Inhalt offline geht! Spannende Referenten müssen nicht teuer eingeflogen werden – diese können von überall kurzfristig zugeschaltet werden. Eine Talkrunde kann so auf Basis von Tagesgeschehnissen erweitert werden. Und ein verpasster Flug des Keynote-Speakers führt nicht zum Wegfall von Inhalten. Auch Teilnehmer aus Entwicklungsländern können so dank tiefen Teilnahmekosten am Wissensaustausch teilhaben.

Welche neuen Wünsche kamen von Kundenseite?
Peter Müller: Erstens: Das Umdisponieren von Präsenz- und Online-Event soll jederzeit und ohne Attraktivitätsverlust flexibel möglich sein. Dies bringt dem Veranstalter Planungssicherheit. Er kann sich auf seine Aufgabe fokussieren, nämlich spannende Veranstaltungen auszurichten. Und er hat finanzielle Sicherheit. Zweitens: Auch für die Online-Teilnehmer sollen die Anlässe attraktiv sein. Die Vorteile einer Online-Teilnahme sollen ähnlich gross sein wie einer Vorort-Teilnahme. Es sind einfach andere.

Zum Beispiel?
PM: Beispielsweise können Meinungs- und Emotionsäusserung der Online-Teilnehmer unter sich und mit den Bühnenteilnehmer auf verschiedenen Ebenen stattfinden – in einem globalen Chat, in einem Gruppenchat, in einer persönlichen Unterhaltung oder gar in Votings. Publikumsstimmungen können also sehr effektiv ausgelebt und erfasst werden. Vorteile sind auch die Partizipationsmöglichkeiten auf der Bühne für gehaltvollere Fragerunden. Ebenso interessant kann das praktisch barrierefreie Netzwerken sein – Online-Teilnehmer können sich sozusagen an jeden Tisch stellen und ebenso rasch wie unkompliziert mit ausgewählten Partnern reden. Wir konnten online einen deutlich gesteigerten Wissensaustausch bei Referaten und Kongressen feststellen.

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Die Produktionen sind dadurch technisch sicher anspruchsvoller geworden?
JW: Tatsächlich muss etwa dem Ton in hybriden Produktionen viel Aufmerksamkeit gegeben werden. Schlechter Ton ermüdet den Zuhörer schnell. Zugleich soll die Übertragung möglichst wenig Bandbreite benötigen, damit der Empfang auch unter schlechten Bedingungen gewährleistet ist. Dazu gesellt sich dann noch der inhaltliche Anspruch, besonders vor Beginn und in Pausen. Von der Garderobe bis zum Saal tauche ich schrittweise in eine Veranstaltung ein – wie gelingt es uns, ein ähnliches Erlebnis für die Online-Teilnahme zu schaffen? Wie gestalte ich die Pause für jene zu Hause? Wie gehe ich mit Verspätungen um?

Und welches sind die interessantesten Innovationen, die der Markt diesbezüglich anbietet?
PM: Im Zentrum stehen Mehrwertdienste mit der gegenseitigen Verbindung der Online- und Offline-Teilnehmer, der Bühnenteilnehmer und der Veranstalter. Stets geht es um Erlebnis, Wirkung und Wirtschaftlichkeit aller Beteiligten. Und dies abgestimmt auf die verschiedenen Anlassformate. Bei Generalversammlungen sind beispielsweise einfach bedienbare und sichere Abstimmungstools gefragt. In der anschliessenden Party feiern die Online-Teilnehmer mit den Leuten vor Ort und unter sich. Elementar ist dabei, dass sich das Vorort- und Online-Publikum gegenseitig sieht und der Effekt von Sehen und Gesehen werden wirkt.

Der WTT Young Leader Award wurde schon zweimal als interaktiver Hybrid-Event durchgeführt, mit Publikum vor Ort und zu Hause, das miteinander kommunizieren konnte.
PM: Beide Male war die Anzahl der Online-Teilnehmer und der Interaktionen sehr hoch. Frappant war ebenso, dass das Online-Publikum über zwei Stunden bei der Stange gehalten werden konnte. Der Unterhaltungswert mit den vielen Partizipationsmöglichkeiten war offenbar attraktiv. Es zeigte sich dabei auch, dass die Motive für eine Online-Teilnahme sehr breit gesät sind und sich fortlaufend weiterentwickeln.

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Kommen Ihnen, Peter Müller, die dort gemachten Erfahrungen nun bei der Gallus Media AG zugute?
PM: Ja. Ich hatte im Frühling 2020 nach dem Pandemieausbruch das Anforderungskonzept für die hybride, interaktive Austragung des WTT Young Leader Awards erstellt. Die Gallus Media AG gewann das Umsetzungsprojekt, und ich begleitete diese Phase eng. Dabei loderte auch meine alte, etwas vernachlässigte Liebe zum Web-Business wieder auf.

Es gibt unter Veranstaltern ja auch viele Stimmen, die sagen, Hybrid-Veranstaltungen ersetzen nie das Feeling eines Live-Events …
JW: Dem stimme ich zu. Weder können noch wollen wir den Event vor Ort ersetzen! Dieser ist Inhalt und Motor, an den wir möglichst viele Teilnehmer anbinden wollen. Wir arbeiten aber daran, diese Teilnahme möglichst barrierefrei und sorglos zu gestalten, damit Veranstaltungen das Publikum vor Ort und online gleichermassen unterhalten. PM: Ja, bei einem hybriden Anlass ist das Vorort-Publikum ein wichtiger Stimmungsmacher auch für das Online-Publikum. Die Kunst ist es dabei, vor Ort und online die relevanten Bedürfnisse der entsprechenden Teilnehmer messerscharf zu identifizieren und abzudecken.

«Die Veranstaltung endet erst, wenn der Inhalt offline geht!»

Wie gefragt sind Hybrid-Veranstaltungen überhaupt noch – die Corona-Massnahmen sind ja praktisch alle aufgehoben?
JW: Warum sollte man auf die gewonnenen Online-Teilnehmer verzichten? Wir beobachten vielmehr eine Konsolidierung der Streaming-Produktionen. Diese werden als fester Bestandteil in die Veranstaltung eingebunden und als Added Value gesehen. PM: Die Pandemie hat Hemmschwellen abgebaut und die Vorteile solcher Veranstaltungen offengelegt. Sie werden sich in weiter entwickelter Form halten, denn sie sind auch wirtschaftlich interessant.

Ist der technische Aufwand für einen Event bei einer Live- oder einer Online-Veranstaltung grösser?
JW: Online ermöglicht Produktionsformen, bei welchen ein Publikum in entsprechender Zahl gar nicht vor Ort sein könnte – hier können wir ungeahnte Welten öffnen und unser Publikum mit auf Reisen nehmen. Und genau diese dramaturgischen Elemente wollen wir nun auch der Live-Veranstaltung ermöglichen. Die Grenzen sollen aufgehoben und das Beste der beiden Welten verschmolzen werden. Dies macht die hybride Form zu der aufwendigsten Veranstaltungsform.

Worauf sollen Kunden besonders achten?
JW: Zentral muss die Sicht des Teilnehmers bleiben: Wie kann ich für ihn den Inhalt spannend gestalten, ihn aktiv partizipieren lassen, ihn zum treuen Kunden machen? Wie kann ich vermitteln, worauf es mir ankommt? Die Technik darf nie im Zentrum stehen, sondern das Erlebnis.
PM: Genau! Dem Publikum muss es zu Hause am Bildschirm gleich ergehen wie mir, wenn ich die Olympia-Abfahrt am TV schaue und mir ob des Feuz-Sieges die Freudentränen kommen. Nur dass ich nun meine Emotionen direkt mit anderen in Wort, Ton und Bild teilen kann.

Zum Schluss: Ergänzen Sie bitte diesen Satz: Events werden in Zukunft …
JW: … kurzweiliger und interaktiver, sodass sich wieder die vordersten Reihen zuerst füllen.
PM: … zu multimedialen Shows für ein multioptionales Publikum, vor Ort und online.

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