«An der Energiewende gibt es kein Vorbeikommen

Der Bundesrat will den Ausstoss von Treibhausgasen in der Schweiz insbesondere bei Gebäuden noch viel stärker reduzieren und hat dazu ein neues CO2-Gesetz ausgearbeitet. Nach dem Ständerat befasst sich dieses Jahr der Nationalrat mit dem Gesetz. Es geht viel weiter als diegeltenden Mustervorschriften der Kantone (MuKEn) im Energiebereich. Was kommt auf Eigentümer von Immobilien und die Immobilienbranche zu? Thomas Mesmer, Präsident des Branchenverbandes SVIT Ostschweiz, schätzt die Situation ein und bezieht als Verband Stellung.

Thomas Mesmer, der Bundesrat will das Energiegesetz weiter verschärfen. Worauf zielt das neue CO2-Gesetz genau ab?
Ganz grundsätzlich will man die Treibhausgasemissionen reduzieren, das soll mit dem neuen CO2-Gesetz erreicht werden, welches auf mehreren Ebenen eingreift. Betroffen sind insbesondere Autofahrer, Flugzeugpassagiere und eben auch Mieter und Hausbesitzer. Das Gesetz soll unter anderem zusätzliche Abgaben auf Benzin und Heizöl, tiefere Grenzwerte sowie mehr Subventionen einbringen.
Derzeit gelten für Immobilienbesitzer die MuKEn 2014, also die Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich. Sie sind im Bereich Energieeffizienz bereits sehr streng – wieso noch ein CO2-Gesetz?
Das CO2-Gesetz geht deutlich weiter als die MuKEn 2014. Es handelt sich dabei um eine massive Verschärfung, und das obwohl wir im Gebäudereich in den letzten Jahren schon einiges erreicht haben. Der Wärmebedarf ist dank der Energieeffizienz deutlich zurückgegangen. Das neue Gesetz ist das Ergebnis einer «grünen Welle» und greift nicht auf kantonaler, sondern auf nationaler Ebene.

Was für eine weitere Verschärfung ergibt sich für Immobilienbesitzer, falls das neue CO2-Gesetz kommt?
Sicher ist, dass der Druck und die Anforderungen noch weiter steigen werden, Häuser besser zu isolieren und fossile Energieträger abzusetzen. Das könnte dazu führen, dass Immobilienbesitzer gezwungen werden, Öl und Gasheizugen zu ersetzen und das Haus gründlich zu sanieren.

De facto läuft das Gesetz mit den neuen CO2-Grenzwerten auf ein Verbot von Gasund Ölheizungen hinaus – wie stellt sich der SVIT Ostschweiz dazu?
Der SVIT Ostschweiz spricht sich generell gegen solche Verbote aus. Wir finden es auch deshalb unnötig, weil gestiegene Energiepreise und das gewachsene Umweltbewusstsein sowieso schon seit Jahren zu einem Umdenken beigetragen haben. Die Immobilienbesitzer tragen jetzt schon seit Jahren dazu bei, dass wir den CO2-Ausstoss senken konnten. Mit oder ohne Gesetz – die Energiewende im Gebäudesektor ist schon lange angelaufen. Wir müssen aber auch ehrlich sein, an der Energiewende gibt es kein Vorbeikommen.

Wie sieht der Zeithorizont aus? Kann das Gesetz beim aktuellen Schweizer Gebäudepark – Unternehmen und Eigenheime – überhaupt in nützlicher Frist umgesetzt werden?
Der Zeitplan ist aus unserer Sicht sehrsportlich. Wir setzen uns deshalb für eine realistische Umsetzung des CO2-Gesetzes ein. Doch der Bund möchte möglichst rasch die Klimaziele im nationalen Recht durchboxen. Dabei wird gar nicht berücksichtigt, dass die Nachhaltigkeit in der Gebäudetechnik bereits seit Jahren ein fester Bestandteil in der Immobilienbranche ist.

Wie gross wird der Widerstand gegen das Gesetz Ihrer Meinung nach sein?
Ich war selber überrascht, wie der Ständerat mit grosser Mehrheit diesen Brocken gelupft hat. Im Nationalrat wird das bestimmt etwas anders aussehen. Auch von gewissen Wirtschaftsverbänden ist Widerstand zu erwarten. In der Bevölkerung sehe ich aber derzeit eine hohe Akzeptanz. Die aktuelle Lage verunsichert Immobilienbesitzer, die ihre bestehende Heizanlage jetzt ersetzen müssen. Sind Kombilösungen aus Öl- und Gasheizungen mit Solarthermie weiterhin möglich – wie sieht es hier in der Ostschweiz aus?
Die Kombination der Öl- respektive Gasheizung mit einem erneuerbaren Energieträger wie der Sonne kann eine Lösung sein. Wenn es um die Heizung geht, gibt es viele Lösungsansätze und die Entscheidung für das eine oder andere System ist nicht ganz einfach. Ganz allgemein beobachten wir jedoch eindeutig einen Rückgang der klimaschädlichen Heizungen und mehr Investitionen in energetische Sanierungen.
Was empfehlen Sie Immobilienbesitzern generell?
Wenn die Heizung saniert oder ersetzt werden muss, lohnt sich eine sorgfältige Evaluation. Es ist notwendig, mit Fachleuten zu sprechen und sich ausführlich über die verschiedenen Möglichkeiten beraten zu lassen. Jede grössere Gemeinde bietet inzwischen eine eigene kompetente Energiefachstelle an.
Was bedeutet die Entwicklung im Energiebereich für die Immobilienbranche und für den SVIT in Bezug auf SVIT-Young, also die Nachwuchsabteilung des Immobilienverbandes – braucht es künftig noch mehr Fachspezialisten?
Energieeffizienz wird auch bei uns von Jahr zu Jahr zu einem grösseren Thema. Das Bewusstsein für den Energiebedarf ist gewachsen und Immobilienprofis tun gut daran, ständig auf dem neusten Stand zu bleiben. Von Verbandsseite her wollen wir den Ausbildungslehrgang Bautechnik lancieren um unsere Kompetenzen zu stärken und weiterhin am Ball zu bleiben. Energetische Sanierungen und alternative Heizanlagen gehören dabei zum festen Programmpunkt.

Wenn die Heizung saniert oder ersetzt werden muss, lohnt sich eine sorgfältige Evaluation
Wenn die Heizung saniert oder ersetzt werden muss, lohnt sich eine sorgfältige Evaluation
Wärmepumpen ersetzen immer häufiger Heizungen mit fossilen Energieträgern.
Wärmepumpen ersetzen immer häufiger Heizungen mit fossilen Energieträgern.