Alter ist kein absolutes Mass für Erfahrung

Sie ist ein Gesicht einer neuen Generation: Die Ökonomin Sunnie Jaye Groeneveld ist Unternehmerin, Studiengangsleiterin und auch Verwaltungsrätin in drei KMU.

Sunnie J. Groeneveld bringt in drei KMU-Verwaltungsräten die Sichtweise einer jungen, digitalisierten Generation ein.

Text: Philipp Landmark
Bild: zVg

Gibt man bei Google «Sunnie J. Groeneveld» ein, dann schlägt die Suchmaschine vor, die Anfrage mit «Alter» zu ergänzen. Tatsächlich ist das Alter der jungen Frau – sie ist 31-jährig – ein Thema. Sie ist ein Kontrast zum traditionellen Bild eines Verwaltungsrates, der normalerweise ein gereifter Herr mit Exekutiverfahrung ist.

Darauf angesprochen, schmunzelt Sunnie Groeneveld. «Ein Verwaltungsrat als Gremium muss bei Fähigkeiten und bei Persönlichkeiten divers aufgestellt sein. Erfahrene Männer sind sicher ein Teil davon.» Diversity allein genüge aber nicht als Schlüssel für die Zusammensetzung eines Verwaltungsrates. «Ein Verwaltungsrat in der Schweiz hat zwei Funktionen: Controlling und strategische Vorgaben.» Das Zusammenstellen eines guten Verwaltungsrates sei herausfordernd, es gelte, in einer zunehmend digitalisierten Welt vor allem strategische Kompetenz an Bord zu holen. «Der Verwaltungsrat trägt die Verantwortung für eine Strategie, die es einer Firma ermöglicht, auch in fünf und zehn Jahren erfolgreich zu sein.»

Gruppe mit verschiedenen Stärken

Ein idealer Verwaltungsrat ist für Groeneveld eine Gruppe von Leuten, die alle verschiedene Stärken haben, von denen aber «zumindest viele» dazu beitragen können, eine gute Strategie zu entwickeln. Ebenso müssten auch viele zum Controlling beitragen können, «da sind die einen wiederum stärker als die anderen». Etwa die Juristen und Finanzfachleute, die überall in Verwaltungsräten anzutreffen sind. «Die haben durchaus ihre Berechtigung, aber Controlling ist nur die Hälfte der Aufgabe.»

Für die andere Hälfte brauche eine Firma, die in einer digitalisierten Welt verschiedene Kundengruppen ansprechen will, Repräsentanten verschiedener Stakeholder in dem Gremium, in dem wichtige Entscheide für die Zukunft getroffen werden. «Diversität ist die Konsequenz daraus.» Wenn in einem Betrieb beispielsweise hauptsächlich die Kunden oder aber auch die Mitarbeiter aus der Generation Y stammen , kann es hilfreich sein, jemanden dieser Generation mit strategischem Talent einzubinden. Sei es im Verwaltungsrat oder in einem Beirat, der dem Verwaltungsrat angegliedert ist.

«Das ist das Spannende in der digitalen Welt: In vielen Fragen haben jüngere Menschen mehr Erfahrung als ältere», betont Sunnie Groeneveld. «In dieser Domäne ist das Alter nicht das absolute Mass für Erfahrung, neue Verwaltungsräte müssen nicht mehr per Definition 50 oder älter sein. Das sind wir uns nicht gewöhnt.» Groeneveld verweist auf Technologien, die relativ jung sind: «Das iPhone gibt es seit 2007,den dazugehörigen App Store seit 2008.Man kann also nur elf Jahre Erfahrung mit Mobile Apps und darauf basierenden Geschäftsmodellen haben.» Auch Facebook wurde 2004 an amerikanischen Unis gestartet und erst 2006 für eine breite Öffentlichkeit lanciert. Viele jüngere Leute hätten sich seither intensiver mit Social Media auseinandergesetzt als ältere. «Wenn ein Fünfzehnjähriger 2006 mit Social Media angefangen und das konsequent gemacht hat, dann ist der heute noch keine 30 und trotzdem der erfahrenste Kollege im Team.»

Die Yale-Ökonomin Sunnie J. Groeneveld ist ein prominentes Beispiel für diese Generation. Sie gründete 2013 das Beratungsunternehmen Inspire 925 GmbH, das Kunden in den Themen digitale Innovation und Mitarbeiter-Engagement begleitet, erhielt zwei Jahre später den Auftrag auf Mandatsbasis als erste Geschäftsführerin von DigitalSwitzerland, die grösste nationale Standortinitiative zur Digitalisierung aufzubauen, bevor sie 2017 zwei weitere Unternehmen mitgründete. Heute leitet sie nach wie vor Inspire 925, verantwortet einen neuen Studiengang, den EMBA in Digital Leadership an der HWZ, und sitzt in drei Verwaltungsräten, bei der HHM-Gruppe (Elektro-Engineering), der Emineo AG (IT) und der Galledia-Gruppe (Medien/Druck). In keinem der drei Gremien ist sie übrigens die einzige Frau.

Ein Abbild der Gesellschaft

Wie viele Frauen sollten denn in einem Verwaltungsrat sein? «Ich würde mir wünschen, dass ein Verwaltungsrat ein Abbild der Gesellschaft ist», sagt Groeneveld, «und die Tatsache widerspiegelt, dass wir heute gleich viele Frauen gut ausbilden wie Männer.»

Wenn vermehrt Frauen in Top-Gremien gewählt werden, sei dies noch lange keine Gefahr für gute Männer im Business. Es führe aber wohl dazu, dass einige zweitbeste Männer von Frauen überholt werden: «Nichts für ungut, aber das wäre ja voll im Interesse der Wirtschaft», hält Sunnie Groeneveld fest. Und fügt fast schon entschuldigend an: «Ich bin schliesslich Ökonomin.»

Dass man aus Branchen wie etwa der Maschinenindustrie hört, es liessen sich keine geeigneten Frauen mit einschlägigen Kenntnissen finden, beeindruckt Groeneveld nicht. Sie verweist auf das Beratungsunternehmen GetDiversity GmbH, das Kandidatinnen und Kandidaten für Verwaltungsräte vermittelt: «Die würden jetzt antworten: ‹Wir finden für jedes Mandat eine passende Frau!›.»

Gewählt werden bestimmte Kompetenzen

Allein die Qualifikation, Frau zu sein, hat auch Sunnie Groeneveld nicht zu ihren Mandaten verholfen. «Ich habe in allen drei Verwaltungsräten erlebt, dass man bestimmte Kompetenzen ins Gremium wählt, weil man etwas strategisch verändern will.» In diesem Fall sei es wichtig, mehrere Personen mit solchen Strategiefähigkeiten im Verwaltungsrat zu haben. «Als Einzelmaske ist es schwieriger, ein Gremium für neue Ideen zu begeistern, zu zweit aber kann man Power entwickeln.»

Dies sei gerade bei Digitalisierungsthemen wichtig. «Wenn es um eine digitale Strategie geht, die beispielsweise stark auf Social Media setzt, im Verwaltungsrat sich aber niemand mit Social Media auskennt, kann ich dort keine fundierte Diskussion führen. Es fehlt mindestens eine zweite Perspektive, welche die Strategievorschläge ergänzt, hinterfragt und weiterentwickelt.» In diesem Fall könne man nicht die gleichen Sprünge machen, wie wenn man mindestens einen Mitspieler habe.

Damit ein schlagkräftiger Verwaltungsrat entstehe, müsse für die Wiederbesetzung eines Mandates viel breiter und professioneller gesucht werden, als dies früher üblich war und bisweilen heute noch ist – der Verwaltungsrat sucht im eigenen Netzwerk, frei nach dem Motto «jeder schlägt ein paar Namen vor». «Ich habe selbst einmal einen solchen Prozess in andere Bahnen gelenkt, weil alle Vorschläge zwar nette Kollegen, aber nicht die richtigen Profile waren», sagt Groeneveld. «Das bringt uns als Unternehmen nicht weiter.»

Hat sie selbst denn die Firmen weiter gebracht, für die sie als Verwaltungsrätin tätig ist? «Ich konnte bei allen drei Mandaten gewisse Steine ins Rollen bringen», sagt Sunnie Groeneveld. «Ich bin aber erst seit zweieinhalb Jahren, teils auch nur seit einem Jahr in diesen Gremien. Es ist noch verfrüht, um zu beurteilen, ob mein Input langfristige Wirkung hat.»